Recyclingziele: Kann das chemische Recycling die Lücke schließen?

811
Rezyklatstabilisatoren, ein Puzzelteil bei der Compoundierung von Kunststoffen (Grafik: Fraunhofer LBF)

DGAW-Diskussionsforum Chemisches Recycling fand mit über 200 Teilnehmern statt.

Können wir mit den mechanischen Verfahren die ambitionierten Recyclingziele der EU erreichen? Können wir qualitativ hochwertige Rezyklate in ausreichender Menge zur Verfügung stellen, um Rezyklateinsatzquoten beziehungsweise die freiwilligen Zusagen der Brand Owner zu bedienen? Kann das chemische Recycling die Lücke schließen?

Das virtuelle Podium war am 14. April 2021 hochkarätig besetzt mit:

  • Andreas Kicherer, Director Corporate Sustainability, BASF SE
  • Tara Nitz, Global Positioning & Advocacy Circular Economy, Covestro AG
  • Reinhard Schneider, Geschäftsführender Gesellschafter, Werner & Mertz GmbH
  • Sascha Roth, Referent für Umweltpolitik, NABU – Naturschutzbund Deutschland e.V.

Prof. Georg Quicker, Technologie der Energierohstoffe (TEER) an der RWTH Aachen und Leiter des UBA Expertenkreis ReFoPlan-Projekts führte als Moderator zunächst ins Thema ein, indem er die verschiedenen Verfahren darstellte und eine Definition zu chemischem Recycling gab.

Wie kontrovers das Thema gesehen wird, zeigte die hitzige und emotionale Debatte, insbesondere über verschiedene Life Cycle Assessments (LCA). Während Reinhard Schneider die von der chemischen Industrie in Auftrag gegebenen LCAs in ihren Aussagen in Frage stellte, verwies Dr. Andreas Kicherer deutlich auf die ISO-konforme Ausarbeitung und Begutachtung durch unabhängige Institutionen. Die komplette Studie ist veröffentlicht und zusätzliche Transparenz sei darüber hinaus unter anderem durch eine öffentliche Diskussionsveranstaltung im Oktober 2020 geschaffen worden.

Kein „Allesschlucker“

Die ersten Pilotanlagen, die in Europa betrieben werden, zeigen, dass die Technologie des chemischen Recyclings funktionieren kann, und dass es einen ersten Markt für die dadurch hergestellten neuwaregleichen Produkte der chemischen Industrie gibt. In den Beiträgen und der Diskussion zeigte sich außerdem, dass das chemische Recycling kein „Allesschlucker“ ist, sondern aufbereitete Kunststofffraktionen nötig sind, wenngleich diese geringere Reinheitsanforderungen haben als für mechanisches Recycling.

In diesem Zusammenhang stellte Tara Nitz klar, dass es auch Kunststoffströme außerhalb der Verpackungen gibt, die nicht mechanisch recycelt werden können, aber wenn sie sortenrein vorliegen, zielgerichtet chemisch recycelt werden können, zum Beispiel Polyurethan-Schäume. Notwendig sei eine stärkere Symbiose zwischen Recycling- und Chemieindustrie auch in den Sortier- und Aufbereitungsverfahren und -logistik.

Im Chat wurde außerdem darauf hingewiesen, dass die aus dem mechanischen Recycling resultierenden Rezyklate – mit Ausnahmen der PET-Flakes aus den PET-Pfandflaschen – keine Lebensmittelzulassung bekommen, jedenfalls bisher nicht. Zugleich kommt aber Druck aus der EU, verstärkt Rezyklate – gerade in Verpackungen – einzusetzen. Hier könnte das chemische Recycling zusätzlich zum mechanischen Recycling einen wichtigen Beitrag leisten.

Sascha Roth verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass durch die Debatte um das chemische Recycling der Fokus auf effizientere Maßnahmen am Beginn des Produktlebenszyklus, wie etwa das Design for Recycling, verloren geht. Auch wenn dies nicht in allen Bereichen (z. B. Pharma) in Gänze umgesetzt werden kann, ist doch noch viel Potenzial vorhanden.

Neuen Technologien eine Chance geben

Eine weitere Verbesserung der Stoffströme kann auch durch bessere Sammelsysteme und Sortierung erreicht werden. Hier gibt es ebenfalls mehrere neue Verfahren und Technologien, die zur erfolgreichen Umsetzung jedoch klarer politischer Signale bedürfen, welche Sekundärrohstoffe preislich attraktiver machen müssen. Ergänzend äußerte Schneider seine Sorge, dass die chemische Verwertung gerade bei den Polyolefinen immer stärker in einen wirtschaftlichen Verdrängungswettbewerb zum mechanischen Recycling geführt werde, obwohl letzteres mittlerweile sogar Kosmetik-konforme Qualitäten hervorbringe.

Die DGAW hat sich – auch in der Vergangenheit – mehrfach dafür ausgesprochen, den neuen Technologien eine Chance zu geben, auch wenn diese in der Vergangenheit nicht alle von Erfolg gekrönt waren. Sie vornherein abzulehnen, sei auf jeden Fall rückwärtsgewandt.

Sicher ließen sich in knapp zwei Stunden nicht alle Aspekte betrachten, sodass ausreichend Diskussionsstoff für weitere Veranstaltungen bleibt. Wünschenswert wäre – und das war auch dem Tenor der Teilnehmer zu entnehmen – den Fokus auf die Potenziale und die geeigneten Stoffströme der verschiedenen Recyclingverfahren zu legen.

Quelle: DGAW

Anzeige