Reifen-Thermolyse als Baustein der Reifen-Kreislaufwirtschaft

AZuR-Projektgruppe Chemisches Recycling traf sich bei Pyrum.

Wie entwickeln sich die Einsatzmöglichkeiten von recovered Carbon Black (rCB) und Tire Pyrolysis Oil (TPO)? Welche Herausforderungen gibt es bei der weiteren Verarbeitung? Und welche Perspektiven bietet die Reifenthermolyse für die Reifen-Kreislaufwirtschaft? Mit diesen Fragen beschäftigten sich mehr als 20 Partner der Allianz Zukunft Reifen (AZuR) beim Präsenztreffen der Projektgruppe Chemisches Recycling am 1. Oktober 2026 bei der Pyrum Innovations AG in Dillingen/Saar.

Die AZuR-Projektgruppen treffen sich einmal im Jahr persönlich bei einem der beteiligten Partner. 2025 kam die Projektgruppe Chemisches Recycling bei ReOil zusammen, in diesem Jahr bei Pyrum im Saarland. Nach einem Rückblick auf die Aktivitäten des laufenden Jahres diskutierten die Teilnehmer neue Projektideen und legten erste Maßnahmen für 2027 fest.

Von wissenschaftlichen Erkenntnissen zur industriellen Anwendung

Einen wissenschaftlichen Schwerpunkt setzte Dr.-Ing. Sebastian Bogdahn mit der Vorstellung seiner Dissertation „Herstellung und ökologische Bewertung hochwertiger Karbonisate aus der Altreifen-Thermolyse“. Die Arbeit verbindet Prozessmodellierung, experimentelle Untersuchungen und Ökobilanzierung. Ein Schwerpunkt liegt auf recovered Carbon Black (rCB), das durch die Thermolyse und anschließende Aufbereitung aus Altreifen zurückgewonnen werden kann. Die Ergebnisse zeigen für das untersuchte und modellierte System ein Potenzial zur Verringerung des Treibhauspotenzials gegenüber fossil erzeugtem Carbon Black.

Tyre-to-Tyre: Vom Altreifen zurück in den neuen Reifen

Wie chemische Verwertung in eine industrielle Reifen-Kreislaufwirtschaft eingebunden werden kann, zeigt auch die im Juli 2026 gestartete europäische Tyre-to-Tyre-Initiative von Pirelli, Pyrum, Synthos und BASF.
Dabei verarbeitet Pyrum Alt- und Ausschussreifen mittels Thermolyse zu recovered Carbon Black (rCB) und Reifen-Thermolyseöl (TPO). Das aufbereitete rCB wird in die Reifenproduktion von Pirelli zurückgeführt und ersetzt dort teilweise neuen fossilen Industrieruß (Carbon Black).

Das TPO geht an BASF und wird dort zusammen mit fossilen Rohstoffen zur Herstellung chemischer Produkte wie Butadien und Styrol eingesetzt. Über Synthos entstehen daraus ISCC PLUS-zertifizierte synthetische Kautschuke, die Pirelli wiederum in der Reifenproduktion einsetzt. Die Wertschöpfungskette ist nach Angaben der Projektpartner über ISCC PLUS rückverfolgbar. Das Projekt verdeutlicht einen zentralen Ansatz der Reifen-Kreislaufwirtschaft: Zurückgewonnene Rohstoffe sollen möglichst hochwertig wieder in industrielle Produktionsprozesse eingebracht werden.

Kreislaufwirtschaft vor Ort erleben

Ein Höhepunkt des Treffens war die Betriebsführung durch die Anlagen von Pyrum. Die Teilnehmenden wurden in drei Gruppen aufgeteilt. So blieb ausreichend Gelegenheit, einzelne Prozessschritte zu betrachten und technische Fragen unmittelbar mit den Experten vor Ort zu diskutieren.
Vom Ausgangsmaterial Altreifen bis zu den erzeugten Produktströmen wurde sichtbar, was chemische Verwertung in der industriellen Praxis bedeutet. Gerade diese Einblicke sind aus Sicht von Netzwerk-Koordinatorin Anna-Maria Guth „ein wesentlicher Vorteil der AZuR-Präsenztreffen: Sie finden regelmäßig bei Netzwerkpartnern statt und verbinden den fachlichen Austausch mit konkreten Einblicken in Technologien und Produktionsprozesse.“

Was muss jetzt passieren?

Für die Projektgruppe richtet sich der Blick bereits auf 2027. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche technischen, regulatorischen und kommunikativen Voraussetzungen notwendig sind, damit chemische Verwertungsverfahren ihren Platz innerhalb einer ganzheitlichen Reifen-Kreislaufwirtschaft weiter ausbauen können.

Zu den vereinbarten Arbeitsschwerpunkten gehören die Weiterentwicklung eines „A-Z der Thermolyse“ mit einheitlichen Begriffen und verständlichen Erläuterungen, die Einordnung von Thermolyse im europäischen regulatorischen Kontext sowie Informationsangebote für den öffentlichen Sektor. Gleichzeitig will die Projektgruppe anhand konkreter Anwendungen zeigen, wie rCB und TPO wieder in neuen Produkten eingesetzt werden können.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der verständlichen Vermittlung der Technologie. Thermolyse ist keine Verbrennung: Bei der Thermolyse werden organische Bestandteile unter Sauerstoffausschluss thermisch zerlegt. Dabei entstehen Produktströme wie rCB, TPO und Thermolysegas.

Tyre-to-Tyre-Anwendungen stärker sichtbar machen

Darüber hinaus will die Projektgruppe Emissionswerte und Geruchsentwicklung sachlich einordnen, Anreize für eine möglichst hochwertige Nutzung der erzeugten Produkte diskutieren und erfolgreiche Tyre-to-Tyre-Anwendungen noch sichtbarer machen.

Das gemeinsame Ziel bleibt anspruchsvoll: Reifen und die darin enthaltenen Rohstoffe sollen möglichst lange und hochwertig im Kreislauf geführt werden. Dafür müssen mechanische und chemische Verfahren sinnvoll ineinandergreifen.

Es gibt viel zu tun – darin waren sich die Teilnehmer in Dillingen einig. Das Treffen hat zugleich gezeigt, welchen Beitrag ein starkes Netzwerk leisten kann: Kompetenzen bündeln, voneinander lernen und gemeinsam konkrete Lösungen entwickeln.

Quelle: Allianz Zukunft Reifen (AZuR)

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