Recht auf Reparatur verändert Geschäftsmodelle

Circular Valley erwartet positive Effekte für Beschäftigung.

Das Recht auf Reparatur stärkt Umwelt und Verbraucher, verändert aber etablierte Geschäftsmodelle. Eine Befragung der Circular Valley Stiftung zeigt: In betroffenen Branchen könnten die Umsätze mit Neuprodukten um bis zu 30 Prozent sinken, während zugleich neue Arbeitsplätze entstehen dürften.

Produkte länger zu nutzen, statt sie frühzeitig durch neue zu ersetzen, ist ein zentraler Gedanke der Kreislaufwirtschaft. Das europäische Recht auf Reparatur, das diesen Wandel vorantreiben soll, ist deshalb aus Sicht der Circular Valley Stiftung ein wichtiger Schritt. Gleichzeitig verändert es die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Hersteller. Denn viele Geschäftsmodelle sind über Jahrzehnte darauf ausgerichtet worden, regelmäßig neue Produkte zu verkaufen.

Besonders betroffen sind Produkte, die technisch lange genutzt werden könnten, aber bislang häufig durch neue Geräte ersetzt werden. Dazu gehören etwa Haushaltsgeräte oder Smartphones. Verschleiß ist dabei nicht immer der Grund für einen Neukauf. Häufig entscheiden sich Verbraucher auch wegen neuer Funktionen, eines anderen Designs oder technischer Neuerungen für ein neues Produkt.

Eine Befragung der Circular Valley Stiftung unter betroffenen Unternehmen zeigt, welche Größenordnung die Veränderung erreichen könnte: Die Befragten erwarten für das Neuproduktgeschäft Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent. Durch den Verkauf von Ersatzteilen könnten davon nach Einschätzung der Unternehmen lediglich etwa 10 bis 15 Prozent ausgeglichen werden.

Reparatur bringt nicht automatisch dieselbe Wertschöpfung wie ein neues Produkt

Ein Grund dafür liegt im unterschiedlichen wirtschaftlichen Wert von Neuprodukten und Ersatzteilen. Ein Hersteller kann mit dem Verkauf eines neuen Geräts deutlich mehr Umsatz erzielen als mit einem einzelnen Ersatzteil. Hinzu kommt: Die Reparatur selbst wird häufig nicht vom Hersteller durchgeführt. Sie findet in lokalen Werkstätten, im Handwerk oder bei unabhängigen Dienstleistern statt.

Damit verändert das Recht auf Reparatur auch die Verteilung der Wertschöpfung. Ein Teil des Geldes, das heute in den Verkauf neuer Produkte fließt, wird künftig für Reparatur, Wartung und Aufarbeitung ausgegeben – und kommt damit anderen Teilen der Wirtschaft zugute.

„Right to Repair ist gut für Verbraucher und Umwelt. Für Unternehmen, die bisher vor allem vom Verkauf neuer Produkte leben, ist die Veränderung aber wirtschaftlich anspruchsvoll. Sie müssen neue Wege finden, mit langlebigeren Produkten Geld zu verdienen“, sagt Dr. Carsten Gerhardt, Vorsitzender der Circular Valley Stiftung.

Für Deutschland kann die Beschäftigungsbilanz positiv ausfallen

Für den deutschen Arbeitsmarkt könnte der Effekt dennoch positiv ausfallen. In vielen Produktbereichen, die vom Right to Repair betroffen sind, findet die Produktion heute bereits überwiegend im Ausland statt. Auch der Vertrieb läuft zunehmend über digitale Kanäle. Ein Rückgang bei der Produktion neuer Geräte führt deshalb nicht automatisch zu einem entsprechenden Verlust von Arbeitsplätzen in Deutschland.

Anders sieht es bei Reparatur und Wartung aus. Diese Leistungen müssen in der Regel dort erbracht werden, wo die Produkte genutzt werden. Dadurch entstehen neue Tätigkeiten vor Ort – etwa in Werkstätten, im Handwerk und bei Serviceanbietern.

„Wenn weniger neue Produkte verkauft werden, wird ein Teil der Wertschöpfung vom Neuprodukt in Reparatur und Service wandern. Für Deutschland kann das ein Vorteil sein, weil Reparatur Arbeitsplätze schafft, die sich nicht einfach ins Ausland verlagern lassen“, sagt Gerhardt.

Neue Geschäftsmodelle statt mehr vom Alten

Right to Repair geht damit aus Sicht der Circular Valley Stiftung über die Frage hinaus, ob sich einzelne Produkte reparieren lassen. Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass Langlebigkeit und Reparierbarkeit stärker zum Teil ihres Geschäftsmodells werden.

Das betrifft insbesondere Produkte, die heute vergleichsweise günstig hergestellt und nach relativ kurzer Zeit durch eine neue Generation ersetzt werden. Wenn solche Produkte künftig länger genutzt werden, reicht es für Hersteller nicht aus, lediglich Ersatzteile anzubieten. Gefragt sind neue Geschäftsmodelle, die auch mit langlebigen Produkten wirtschaftlich funktionieren – etwa durch Reparatur, Wartung, Aufarbeitung oder zusätzliche Dienstleistungen.

„Wir kommen aus einer Wirtschaft, in der Wachstum lange über immer neue Produktgenerationen und kürzere Austauschzyklen funktioniert hat. Right to Repair stellt dieses Modell infrage. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie wir möglichst lange am alten Geschäftsmodell festhalten, sondern wie Unternehmen mit langlebigeren Produkten auch künftig erfolgreich sein können“, sagt Gerhardt.

Aus Sicht der Circular Valley Stiftung sollte das Recht auf Reparatur deshalb nicht nur als Belastung für Hersteller betrachtet werden. Die längere Nutzung von Produkten kann neue Märkte und Beschäftigung schaffen. Entscheidend sei, dass Unternehmen die Veränderung frühzeitig als Anlass für neue Geschäftsmodelle und Innovationen nutzen.

Quelle: Circular Valley Stiftung

KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Schlagzeilen

Anzeige

Fachmagazin EU-Recycling

Translation