Tata Steel und thyssenkrupp schließen europäische Stahlaktivitäten zusammen

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thyssenkrupp-Hauptversammlung 2018 (Foto: thyssenkrupp AG)

Am 30. Juni wurde ein bindender Vertrag zur Schaffung eines neuen Unternehmens unterzeichnet. Hierfür sollen die europäischen Stahlgeschäfte beider Unternehmen in einem 50/50-Joint Venture zusammengeschlossen werden. Auf diesen Schritt hatten sich Tata Steel und thyssenkrupp im September 2017 mit einer Grundsatzvereinbarung verständigt.

Der Vollzug der Transaktion steht unter dem Vorbehalt der Freigabe durch die zuständigen Wettbewerbsbehörden, unter anderem in der Europäischen Union. Dr. Heinrich Hiesinger, Vorstandsvorsitzender der thyssenkrupp AG: „Das Joint Venture adressiert nicht nur die Herausforderungen der europäischen Stahlindustrie. Es ist die einzige Lösung, die für thyssenkrupp und Tata Steel erheblichen zusätzlichen Wert von rund fünf  Milliarden Euro schafft. Grundlage dafür sind umfangreiche Synergien, die jedes Unternehmen für sich alleine nicht realisieren könnte. Für beide Partner führt die Einbringung der Stahlbereiche in das Joint Venture damit zu einer deutlichen Wertsteigerung. Wir sichern langfristig eine wettbewerbsfähige Position in der europäischen Stahlindustrie – mit einem überzeugenden industriellen Konzept und auf Basis einer klaren strategischen Logik. Damit erhalten wir langfristig Arbeitsplätze und erhalten Wertschöpfungsketten in europäischen Schlüsselindustrien.“

Die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung von thyssenkrupp Steel Europe und Tata Steel Europe hatte seit Unterzeichnung der Grundsatzvereinbarung zu einer Bewertungsdifferenz zwischen den beiden Einheiten geführt. Im jetzt unterzeichneten Vertrag wurde dafür eine angemessene Kompensation vereinbart: Im Falle eines Börsengangs des Joint Ventures erhält thyssenkrupp einen höheren Anteil der Erlöse, der dann einem wirtschaftlichen Verhältnis von 55/45 zugunsten von thyssenkrupp entspricht. Zudem wurde vereinbart, dass thyssenkrupp allein über den Zeitpunkt eines potenziellen Börsengangs entscheiden kann.

Die bestehenden Mitbestimmungsstrukturen sollen erhalten bleiben

Wie es weiter heißt, sind die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern und die entsprechenden Konsultationsprozesse erfolgreich abgeschlossen worden. Dabei sei es gelungen, die unterschiedlichen Formen der Mitbestimmung in den jeweiligen Ländern so zu berücksichtigen, dass die Grundidee eines integrierten Unternehmens mit einer gemeinsamen Führung verwirklicht werden kann. Das angestrebte neue Unternehmen mit dem Namen thyssenkrupp Tata Steel B.V. will sich als führender europäischer Flachstahlanbieter positionieren und entsteht den Angaben nach auf einem soliden Fundament. Beide Partner verbinde ein gemeinschaftliches Verständnis für Kultur und Werte sowie eine stolze Tradition in der Stahlindustrie.

thyssenkrupp Tata Steel soll als ein integriertes Unternehmen geführt werden. Die Holding wird ihren Sitz in der Region Amsterdam in den Niederlanden haben und über eine zweistufige Managementstruktur aus Vorstand und Aufsichtsrat verfügen. thyssenkrupp und Tata Steel werden die jeweils sechsköpfigen Gremien paritätisch besetzen. Über Personen und Zuständigkeiten soll zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werden. Die bestehenden Mitbestimmungsstrukturen würden erhalten bleiben. Zudem werde ein Europäischer Betriebsrat im neuen Unternehmen gebildet und ein Employee Executive Committee (EEC) eingerichtet, in dem Vorstand und Arbeitnehmervertreter des Joint Ventures regelmäßig über strategische Themen beraten werden.

Jährlich wiederkehrende Synergien erwartet

Die vertiefte wirtschaftliche Prüfung (Due Diligence) und unabhängige Gutachten (Fairness Opinions) haben die wirtschaftliche Tragfähigkeit des neuen Unternehmens sowie die erwarteten jährlich wiederkehrenden Synergien in Höhe von 400 bis 500 Millionen Euro bestätigt. Diese Synergien sollen nach Vollzug der Transaktion in verschiedenen Bereichen realisiert werden, unter anderem im Einkauf, durch eine Senkung der indirekten Kosten und durch eine verbesserte Anlagenauslastung. Darüber hinaus werden weitere Synergien bei Investitionen und einer Optimierung des Working Capital erwartet.

Die zukünftige Positionierung als Qualitäts- und Technologieführer ermögliche es zudem, in höherwertigen Produktsegmenten stärker als der Gesamtmarkt zu wachsen. Dies soll unter anderem durch eine Koordinierung der F&E-Aktivitäten erreicht werden. Um die Kostensynergien realisieren zu können, sei in den kommenden Jahren ein Abbau von bis zu 4.000 Stellen in den Verwaltungsbereichen und in der Produktion erforderlich. Die beiden Partner gehen davon aus, dass die Lasten ungefähr hälftig auf die beiden Joint-Venture-Partner entfallen werden. Ab dem Jahr 2020 soll zudem das Produktionsnetzwerk mit dem Ziel einer Integration und Optimierung der Fertigungsstrategie für das gesamte Joint Venture überprüft werden.

thyssenkrupp Steel Europe und Tata Steel in Europa werden bis zum Closing weiterhin als getrennte Unternehmen und Wettbewerber agieren. Mit Vollzug der Transaktion werden thyssenkrupp Steel Europe und Tata Steel in Europa zu einem Unternehmen zusammengefasst. Mit Abschluss des Joint-Venture-Vertrags hat thyssenkrupp nun die Voraussetzung geschaffen, das strategische Zielbild des Konzerns zu schärfen und damit auch seine finanziellen Zielsetzungen anzupassen. Die Weiterentwicklung der Strategie wird der Vorstand dem Aufsichtsrat in einer außerordentlichen Sitzung übernächste Woche vorstellen.

Quelle: thyssenkrupp AG