Mehr als 250 Experten der österreichischen Abfall- und Ressourcenwirtschaft trafen sich in Lech am Arlberg (Vorarlberg), um aktuelle Branchentrends zu besprechen.
Passend zur Fußball-WM zählte der Vortrag von Markus Merk, dreifacher Weltschiedsrichter, zu den Höhepunkten der Tagung. Im Zentrum stand die Frage, wie Menschen auch in bewegten Zeiten handlungsfähig bleiben und Entscheidungen treffen können. Katharina Rogenhofer vom Kontext Institut bestätigte, dass die Abfall- und Ressourcenwirtschaft einen wichtigen Beitrag leistet, um Österreichs Industrie zu stärken.
Mehr Tempo bei der Umsetzung von Lösungen, die bereits existieren – das wünscht sich nicht nur Klimaexperte Andreas Jäger, sondern auch die österreichische Abfall- und Ressourcenwirtschaft bei ihrer Jahrestagung in Lech am Arlberg. Die Branche verfügt über das nötige Wissen und die Infrastruktur, um im großen Stil aus Abfall neue Ressourcen zu schaffen, von denen die Industrie und Wirtschaft und somit die österreichische Wirtschaft profitieren.
Doch das Potenzial wird bei weitem nicht ausgeschöpft, da politische und rechtliche Rahmenbedingungen die Umsetzung in vielen Fällen einschränken. Gabriele Jüly, Präsidentin des Verbands Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB), nennt ein konkretes Beispiel: „Noch immer werden recycelte Materialien gegenüber primären Rohstoffen in vielen Bereichen – etwas beim Transport oder der Verbringung ins Ausland – rechtlich benachteiligt, obwohl ihr Einsatz in der Produktion unsere Ressourcen schont, weniger Emissionen verursacht und die Abhängigkeit von Rohstoffimporten verringert.“ Der VOEB ist die freiwillige Interessensvertretung der privaten Abfall- und Ressourcenwirtschaftsunternehmen in Österreich.
Industrie resilienter machen
Katharina Rogenhofer, Vorständin des Kontext Instituts, machte in ihrem Vortrag „Kreislaufwirtschaft: Pulsgeber für Österreichs Wohlstand und Sicherheit“ deutlich, dass die Kreislaufwirtschaft weit über Klima- und Umweltschutz hinausgeht. Sie ist ein zentraler Hebel, um Österreichs Industrie resilienter zu machen, Abhängigkeiten zu reduzieren und Wertschöpfung im Land zu halten. Dabei kommt der Abfallwirtschaft eine Schlüsselrolle zu: Sie ist längst nicht nur für die Entsorgung von Abfall zuständig, sondern liefert auch wertvolle Sekundärrohstoffe für die Industrie.
„Die Abfallwirtschaft ist eine unerschöpfliche Materialquelle in der Wertschöpfungskette. Sie liefert kostbare Wertstoffe, die Österreichs Wirtschaft für eine sichere Produktion, geringere Abhängigkeiten und künftigen Wohlstand braucht“, spricht sich Rogenhofer aus. „Damit das gelingt, muss allerdings das Abfallrecht reformiert werden, um die rechtliche und wirtschaftliche Gleichstellung von Sekundärrohstoffen gegenüber Primärmaterialien sicherzustellen.“ Notwendig wären die gesetzliche Verankerung eines Mindestanteils an Recyclingmaterial, um die Nachfrage nach Sekundärrohstoffen zu steigern sowie die Weiterführung der CO₂-Bepreisung, um Kostenunterschiede zu verringern und faire Wettbewerbsbedingungen für recycelte und CO₂-arme Produkte zu schaffen.
Handlungsfähig bleiben

Markus Merk, ehemaliger FIFA-Schiedsrichter und mehrfacher „Weltschiedsrichter des Jahres“, zeigte in seiner Keynote „Sicher entscheiden“, worauf es ankommt, wenn Entscheidungen unter Druck, bei hoher Geschwindigkeit und mit großer Tragweite getroffen werden müssen.
Die Abfall- und Ressourcenwirtschaft ist aktuell mit tiefgreifenden Veränderungen konfrontiert: neue regulatorische Vorgaben, unsichere Lieferketten, steigende Qualitätsanforderungen und der wachsende Bedarf der Wirtschaft an verlässlichen Sekundärrohstoffen. Gerade in solchen Phasen zählt vor allem die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. „Sicher entscheiden heißt nicht, immer sofort alles zu wissen – sondern unter Druck handlungsfähig zu bleiben und Entscheidungen nachvollziehbar zu machen“, ist Merk überzeugt.
„Wir wissen, was zu tun ist“
ORF-Klimaexperte Andreas Jäger zeigte in seinem Impulsreferat „Good News: Warum wir doch die Kurve kratzen“, dass die Lösungen, um die Klimakrise zu bewältigen, längst verfügbar sind. Entscheidend sei, stärker ins Handeln zu kommen und vorhandene Chancen schneller zu nutzen.

„Die gute Nachricht ist: Wir wissen, was zu tun ist – und vieles davon funktioniert bereits. Jetzt geht es darum, das Tempo zu erhöhen und die Kurve tatsächlich zu kratzen.“ Jägers Appell: Klimaschutz hat nichts mit Verzicht zu tun, sondern vielmehr mit Gewinn – in Form eines klaren Nutzens für Gesellschaft, Wirtschaft und kommende Generationen.
Weitere Beiträge zur Tagung kamen unter anderem von Landesrat Christian Gantner, VOEB-Regionalvorstand Reinhard Pierer, Alpla-Eigentümer Günter Lehner und Elmar Hartmann, Präsident der Industriellenvereinigung Vorarlberg. Im Rahmen der Hauptversammlung wurde auch die niederösterreichische Unternehmerin Gabriele Jüly für eine vierte Amtszeit als VOEB-Präsidentin bestätigt. Sie wurde im Juni 2020 an die Spitze des Verbandes gewählt.
Quelle: VOEB





