Die für Klima- und Ressourcenschutz sowie Unabhängigkeit von fossilen Rohstoffimporten immens wichtige Kunststoff-Recycling-Branche benötigt bundesweit dringend neue Impulse für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung des Wuppertal Instituts im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU).
Derzeit sei die Lage dramatisch, so das Forschungsinstitut in einem Positionspapier, das heute (Mittwoch, den 06. Mai 2026) auf der Umwelttechnologie-Messe IFAT in München präsentiert wird und sechs Lösungen zur Rettung der Branche vorschlägt, darunter: Förderung zirkulärer Geschäftsmodelle, globale Plastikabgabe und Beschaffungen der öffentlichen Hand für zusätzliche Nachfrage nach Rezyklaten, also recycelten Kunststoffen.
Bonde: Diesen Trumpf dürfen wir nicht verspielen
„Eine umfassende Kreislaufwirtschaft sollte für Kunststoff Kompass sein“, spricht sich DBU-Generalsekretär Alexander Bonde aus. „Der angespannte Rezyklate-Markt muss mit Innovationen gestützt werden – sonst droht ein Verlust von Industrie und Ideen.“ Vielversprechende Technologien in Deutschland müssten am Markt etabliert werden. Bonde: „Diesen Trumpf dürfen wir nicht verspielen.“
Die Wertschöpfungskette Kunststoff sei weitgehend linear organisiert, die Kunststoffherstellung basiere vor allem auf dem fossilen Öl und verursache enorme Abfallmengen. Notwendig sei jedoch „eine Abkehr vom linearen Muster des ‚take-make-waste‘, also Abbau, Nutzung und Abfall von Rohstoffen. Nachhaltiges Handeln und Wirtschaften funktioniere nur in einer Circular Economy – vom Produktdesign über Müllvermeidung bis zum Wiederverwerten, Teilen, Reparieren und Recyceln.
EU-Verpackungsverordnung PPWR: Umwälzung für die gesamte Kunststoff-Branche
In wenigen Monaten, am 12. August 2026, steht die Kunststoff-Branche in Europa vor einer rigorosen Umwälzung: An dem Tag greift die am 11. Februar 2025 in Kraft getretene neue Verordnung der Europäischen Union (EU) für Verpackungen und Verpackungsabfälle (Packaging and Packaging Waste Regulation, PPWR).
Die PPWR soll den Verpackungsverbrauch reduzieren, Recyclingfähigkeit verbessern und Kreislaufwirtschaft fördern, inklusive Mindestquoten für Rezyklate: Ab 1. Januar 2030 sind es 30 Prozent bei kontaktempfindlichen Verpackungen mit PET als Hauptbestandteil, ab 2040 in derselben Kategorie gar 50 Prozent. Einweggetränkeflaschen aus Kunststoff müssen ab 2030 einen Anteil von 30 Prozent Rezyklaten aufweisen, ab 2040 sogar 65 Prozent.
Nach dem Willen der EU soll die PPWR die Nachfrage nach Rezyklat als Sekundärrohstoff steigern – und so den Bedarf an fossilen Rohstoffen verringern, Treibhausgas-Emissionen minimieren sowie Kreislauffähigkeit von Kunststoffen verbessern.
Was auf den ersten Blick plausibel klingt, hat jedoch mehrere Haken, wie Prof. Dr. Henning Wilts, der Autor des Positionspapiers, erläutert. Abgesehen von dem nach seiner Ansicht „zu spät“ geltenden EU-Regelungen weist der Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft beim Wuppertal Institut auf eine akute Bredouille der Branche hin: die schwache Nachfrage nach Rezyklaten – sogar bei steigendem Ölpreis, der erdölbasierte neue Kunststoffprodukte verteuert und somit eigentlich Erzeugnissen aus preisgünstigeren Rezyklaten einen Wettbewerbsvorteil verschaffen müsste. Die Folge: Wegen fehlender Investitionssicherheit geben immer mehr Kunststoffrecycling-Betriebe auf. Know-how gehe verloren, so Wilts. Es drohe eine Rezyklatlücke, was dazu führen könne, „dass man wegen der PPWR-Vorgaben auf Rezyklat-Importe aus dem Ausland zurückgreifen muss“.
Vorschläge des Wuppertal-Instituts: Plastikabgabe und Reduzierung der Kunststoff-Materialvielfalt
Das Positionspapier will hier gegensteuern. Die geringe Rezyklat-Nachfrage beruhe teils auf das vermeintlich negative Image von recyceltem Kunststoff, teils auf spezielle Kunststoff-Anforderungen. Der Vorteil von Kunststoff-Vielfalt etwa bei Form, Farbe und Festigkeit sei ein Nachteil für die Recycling-Branche: Es gebe „Zehntausende Kunststoff-Varianten, die theoretisch denkbare Recyclingverfahren in der Praxis verhindern“, sagt Henning Wilts. Bundesweit liege der Rezyklatanteil unter 20 Prozent, „obwohl innovative Technologien einen deutlich höheren Anteil ermöglichen würden“.
Die sechs Vorschläge des Positionspapiers sollen der Kunststoff-Branche aus ihrer Zwickmühle zwischen Mindestrezyklatquote und zunehmend wegbrechender Recyclingkapazität wegen geringer Rezyklat-Nachfrage helfen. Autor Wilts rät etwa, die „teils exzessive Materialvielfalt“ beträchtlich zu reduzieren – ohne die Funktionalität des Materials zu gefährden. Materialvielfalt sowie Mindestrezyklatquote sind auch Bestandteil der aktuell diskutierten „Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie“ (NKWS) der Bundesregierung.
Wilts weiter: Beschaffungen der öffentlichen Hand böten „einen zentralen Hebel“ für zusätzliche Nachfrage nach Kunststoffrezyklaten. Zudem sei eine Plastikabgabe sinnvoll, „um die Umweltkosten bei Gewinnung und Verarbeitung von Erdöl zu Kunststoff zu integrieren“. Diese sei allerdings global koordiniert umzusetzen und dürfe nicht dazu führen, „dass auf ökologisch nachteilige Alternativmaterialien zurückgegriffen wird“. Auch ein Punkt im Positionspapier: Plastik als Dienstleistung – ein Konzept, bei dem Umsatz nicht durch Verkauf, sondern durch zirkuläre Nutzung von Kunststoff erzielt wird. So berechnet etwa Rolls-Royce laut Wilts Gebühren für die Nutzung von Flugzeugturbinen, statt diese zu veräußern.
Weltweit pro Jahr rund 431 Millionen Tonnen Kunststoff produziert – von Badezimmer bis Backpapier
Kunststoff ist omnipräsent – von Badezimmer bis Backpapier, von Kleidung über Computer bis Kosmetika, nicht zu vergessen der Elektronik- und Mobilitätssektor. Weltweit werden jährlich laut Verband Plastics Europe etwa 431 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, davon mehr als ein Drittel in China, 55 Millionen Tonnen in Europa und 13 Millionen Tonnen in Deutschland. Die Abfall-Folgen: Kunststoffpartikel selbst auf dem Himalaya und mehr als 150 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren.
Wilts geht von „rund 16 Millionen Tonnen Kunststoffabfällen in Europa und sechs Millionen Tonnen in Deutschland“ aus. Bundesweit werde „knapp die Hälfte“ recycelt, in Europa erheblich weniger. Der globale Kunststoffrecyclingmarkt umfasst Wilts zufolge ein Volumen von umgerechnet etwa 51,4 Milliarden Euro. Ausgangsmaterialien für Rezyklate seien aktuell Produkte mit Vorgaben für Kunststoffrecycling, vor allem Verpackungen, Fahrzeuge, Elektronikware sowie bestimmte gewerbliche Abfälle. Der Kunststoffrecyclingmarkt sei hierzulande überwiegend mittelständisch. „Fast alles“ könne recycelt werden, mittels KI-basierter Sortierung sogar „sehr spezialisierte Aufbereitung“. Wegen fehlender verlässlicher Nachfrage sei aber Stand der Technik, „dass diese Innovationen nicht über die Uni-Labore hinauskommen“.
Quelle: DBU






