Die am 21. September 2026 eingeweihte Anlage in San Pietro Mosezzo ist die erste Anlage in Italien, die sämtliche Aufbereitungsstufen des Textilrecyclings umfasst.
Von der Vision in die industrielle Praxis: Die Stadler Gruppe, weltweit tätiger deutscher Spezialist für die Planung, Fertigung und Montage von schlüsselfertigen Sortieranlagen, war als Technologiepartner an der Entwicklung der neuen Textilrecyclinganlage des italienischen Unternehmens Igers s.r.l. in San Pietro Mosezzo in der Provinz Novara im Piemont beteiligt.
Stadler unterstützte Igers während der gesamten Planungsphase – von den ersten Gesprächen über die Anforderungen an den Prozess bis zur Entwicklung eines auf das bestehende Gebäude abgestimmten Anlagenlayouts. Das Unternehmen integrierte wichtige, von Igers beschaffte Aufbereitungsmaschinen so, dass die einzelnen Prozessschritte als Gesamtsystem zusammenarbeiten, und entwickelte und lieferte die vollautomatische Sortierlinie.
„Stadler hat uns nicht einfach als Lieferant unterstützt, sondern als Technologiepartner, der die besonderen Anforderungen eines Projekts verstanden hat, das für Italien sowohl neu als auch ehrgeizig ist“, sagt Gian Luca Miceli, CEO von Igers. Die am 21. September 2026 eingeweihte Anlage in San Pietro Mosezzo ist die erste Anlage in Italien, die sämtliche Aufbereitungsstufen des Textilrecyclings umfasst. Aus gebrauchten Textilien sowie Textilabfällen aus industrieller Produktion entstehen hochwertige Flocken und aufgerissenes Fasermaterial, die für die Spinnindustrie geeignet sind.
Dabei ist die vollständige Rückverfolgbarkeit über den gesamten Prozess gewährleistet. Die Anlage verfügt über eine Kapazität von vier Tonnen pro Stunde und ist für die Verarbeitung von bis zu 19.200 Tonnen Textilabfällen pro Jahr zugelassen. Die Gesamtinvestition beläuft sich auf rund acht Millionen Euro, davon werden 1,3 Millionen Euro durch Mittel aus Italiens nationalem Aufbau- und Resilienzplan (PNRR) kofinanziert. Die Anlage geht zu einem Zeitpunkt in Betrieb, zu dem das Textilrecycling in ganz Europa zunehmend an Bedeutung gewinnt. Neue Vorgaben zur getrennten Sammlung von Textilien und zur erweiterten Herstellerverantwortung steigern den Bedarf an industriellen Lösungen, die Textilabfälle sortieren und für ein hochwertiges Recycling vorbereiten können.
Ein patentiertes Verfahren für einen komplexen Abfallstrom

Textilabfälle können aus unterschiedlichen Fasern, Verbundmaterialien und Zubehörteilen bestehen, weisen verschiedene Verunreinigungen auf und unterscheiden sich in ihrer Qualität. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Transparenz darüber, wie die Materialien sortiert werden und wo sie letztlich verbleiben. Als Antwort darauf hat Igers ein eigenes, in Italien patentiertes Gesamtverfahren entwickelt, das von der anfänglichen Pufferung über die Hygienisierung, Sortierung und das Aufreißen bis zum fertigen Output-Material reicht.
„Die Besonderheit unseres Verfahrens liegt darin, dass wir die Abtrennung von Störstoffen, die technologiegestützte Materialsortierung, die mechanische Regeneration und die digitale Rückverfolgbarkeit miteinander verbinden“, erklärt Gian Luca Miceli. „Wir betrachten diese Schritte nicht als voneinander unabhängige Tätigkeiten, sondern als Bestandteile eines einzigen Systems. So können wir präziser entscheiden, welcher Verwertung die einzelnen Materialströme zugeführt werden. Mit der Eröffnung der Anlage in San Pietro Mosezzo macht Igers den Schritt von der Vision zur industriellen Umsetzung.“
Ein zuverlässiger Partner für eine Branche im Aufbau
Das Textilrecycling wird noch als „junger Industriezweig“ gesehen, in dem „nur begrenzte Erfahrungswerte“ zur Verfügung stünden. Die Entwicklung einer industriellen Lösung erfordere deshalb nicht nur Sortiertechnologie, sondern auch umfassendes Know-how in den Bereichen Anlagenbau, Materialtransport und Systemintegration.
„Wir haben uns für Stadler entschieden, weil wir einen Partner mit internationaler Erfahrung und nachgewiesener Kompetenz gesucht haben, der komplexe Anforderungen in eine zuverlässige technische Lösung umsetzen kann“, sagt Gian Luca Miceli. „Bei einem Projekt wie diesem ist Technologie entscheidend, aber Technologie allein reicht nicht aus. Ebenso wichtig sind eine strukturierte Vorgehensweise, schnelle Reaktionsfähigkeit, ein konsequentes Schnittstellenmanagement und die Liebe zum Detail.“
Das Projekt erforderte einen erheblichen Koordinationsaufwand, um alle beteiligten Lieferanten aufeinander abzustimmen und die vorhandenen Komponenten zu einem funktionierenden Gesamtsystem zusammenzuführen. Zugleich musste das Anlagenkonzept ein Höchstmaß an Flexibilität im Sortierbetrieb bieten.

„Igers wandte sich an uns, weil das Unternehmen einen zuverlässigen Partner suchte, der seine Ideen in eine konkrete, skalierbare industrielle Lösung umsetzen konnte“, erklärt Matteo Zaninelli, Projektmanager bei Stadler. „Am Anfang haben wir uns vor allem mit dem Prozess beschäftigt: Was wollte Igers erreichen, welche Eigenschaften hat das Material und welche Output-Fraktionen werden benötigt? Auf dieser Grundlage entwickelten wir zunächst die Fließschemata, wählten die am besten geeigneten Maschinen aus und erarbeiteten schließlich das vollständige Anlagenlayout unter Berücksichtigung des vorhandenen Gebäudes. Das Projekt entwickelte sich Schritt für Schritt: Igers brachte sein Wissen über das Textilrecycling ein und Stadler seine Erfahrung im Anlagenbau, Materialtransport und in der Sortiertechnik.“
Gemeinsam die Herausforderungen eines schwer berechenbaren Materials meistern
„Textilien stellen ganz besondere Anforderungen an den Materialtransport“, erklärt Matteo Zaninelli. „Sie sind weich und flexibel, haben sehr unterschiedliche Formen und Größen und können sich falten, überlagern oder ineinander verfangen.“
Um das Verhalten des Materials genau zu verstehen, arbeiteten beide Unternehmen eng zusammen. Stadler führte umfangreiche Versuche in seinem Testzentrum durch, während Igers zahlreiche eigene Tests vornahm und umfassende praktische Erfahrungen einbrachte. Anhand der Ergebnisse konnten die am besten geeigneten Konfigurationen für die Aufgabe, Dosierung, Förderung und Verteilung der Textilien in der gesamten Anlage festgelegt werden. Insbesondere die Positionierung der Dosiereinheiten und die Konstruktion ihrer Verteiltrichter wurden gezielt auf das Verhalten des Textilmaterials abgestimmt. „Das mag auf den ersten Blick nach vergleichsweise kleinen Details klingen. Sie haben jedoch einen erheblichen Einfluss auf die Stabilität des Materialflusses und damit auf die Leistungsfähigkeit des gesamten Sortierprozesses“, bemerkt Zaninelli.
Ein integriertes Gesamtsystem mit zweistufiger NIR-Sortierung

Die Sortierlinie von Stadler umfasst zwei Dosiereinheiten, zwei optische NIR-Sortierer von Tomra und 16 Förderer. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, das Textilmaterial für die nachfolgenden Recyclingstufen vorzubereiten. Die Trennqualität ist dabei besonders wichtig, da die verschiedenen Textilfraktionen für unterschiedliche Verwertungswege bestimmt sein können und eine jeweils andere Weiterverarbeitung erfordern. Gleichzeitig gewährleistet die Linie einen kontinuierlichen, homogenen Materialfluss. Dadurch entstehen stabilere Betriebsbedingungen für die nachgeschalteten Maschinen, was sowohl die Prozesseffizienz als auch die Qualität der Endfraktionen verbessert.
In der ersten Sortierstufe trennt der erste NIR-Sortierer sortenreine Textilien, beispielsweise aus 100 Prozent Baumwolle oder Wolle, von Mischgeweben und Störstoffen. Während die hochwertigen sortenreinen Fraktionen zwischengespeichert werden, entfernt der zweite NIR-Sortierer aus dem gemischten Textilstrom Störstoffe und nicht spezifikationsgerechte Materialien, beispielsweise Teile von Kleiderbügeln und Leder. In der zweiten Stufe wird das zwischengespeicherte Material erneut durch dieselben Sortiermaschinen geführt. Dabei sind die NIR-Sortierer so eingestellt, dass sie die Textilien nach Faserart trennen.
Flexibilität war eine der zentralen Anforderungen von Igers und wurde deshalb von Anfang an in die Anlagenplanung einbezogen. Die Anlage kann unterschiedliche angelieferte Textilströme und Durchsatzmengen verarbeiten. Gleichzeitig kann Igers flexibel entscheiden, wohin die einzelnen Output-Fraktionen geleitet werden: zur Ballenpresse, in einen von mehreren Lagercontainern, in einen Puffer zur erneuten Aufgabe oder in den Faseröffnungsprozess. „Damit kann Igers die Anlage an unterschiedliche Materialien und Sortierstrategien anpassen. Das ist besonders wichtig in einem Markt, der sich noch immer sehr schnell entwickelt“, schildert Zaninelli. Die Linie arbeitet vollautomatisch und benötigt lediglich einen Anlagenverantwortlichen, der sie startet und stoppt und bei Bedarf die Einstellungen der NIR-Sortierer anpasst.
Die Grundlagen für eine Kreislaufwirtschaft im Textilsektor schaffen
„Unser Ziel ist es, San Pietro Mosezzo als führende industrielle und technologische Plattform zu etablieren“, sagt Miceli. „Auf dieser Grundlage wollen wir schrittweise weitere Recyclingzentren aufbauen – abgestimmt auf die Verfügbarkeit der Materialströme, die regionalen Anforderungen und die Nachfrage nach hochwertigen zurückgewonnenen Materialien.“
Für Stadler knüpft das Igers-Projekt an die Erfahrungen aus früheren Textilsortierprojekten an und verbindet diese mit der umfassenden Kompetenz des Unternehmens im Anlagenbau und in der Systemintegration. Damit stärkt STADLER sein Know-how bei der Entwicklung integrierter Lösungen für die Textilsortierung und das Textilrecycling weiter.

„Die für IGERS gebaute Anlage zeigt, dass Textilrecycling nicht nur leistungsstarke Maschinen erfordert, sondern auch die Fähigkeit, unterschiedliche Technologien zu integrieren, spezialisiertes technisches Know-how und ein Anlagenkonzept, das sich an komplexe und wechselnde Materialströme anpassen lässt“, sagt Matteo Zaninelli. „Das Projekt ist damit ein konkretes Beispiel dafür, wie wir den Aufbau einer industriellen Infrastruktur in einer Branche unterstützen können, die in den kommenden Jahren voraussichtlich stark wachsen wird.“
„Wir erwarten, dass die Textilsortierung und das Textilrecycling zunehmend industrialisiert werden“, erläutert er abschließend. „Die Sortiertechnologie muss sich gemeinsam mit den Recyclingverfahren weiterentwickeln, die sie mit Material versorgt. Letztlich besteht unsere Aufgabe nicht einfach darin, Textilien voneinander zu trennen, sondern den nachgeschalteten Prozessen zuverlässig das richtige Material in der erforderlichen Qualität bereitzustellen.“
Quelle: Stadler Anlagenbau GmbH



