Wie das Ruhrgebiet zur „grünsten Industrieregion“ der Welt werden kann

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Foto: Pixabay/Michael Gaida

Studie des Wuppertal Instituts entwickelt Leitbild und Indikatorenset, schätzt die Vorreiterpotenziale der Metropole Ruhr ein und benennt Schlüsselmaßnahmen.

Industrieregionen stehen vor besonderen Herausforderungen für eine nachhaltige und klimagerechte Entwicklung, sie müssen zu „grünen Industrieregionen“ werden. Doch was macht eine „grüne Industrieregion“ überhaupt aus? Eine neue Studie des Wuppertal Instituts verdeutlicht, worauf es besonders ankommt, wie Fortschritte gemessen werden können und welche Maßnahmen die erforderliche Transformation beschleunigen können. Das Autorenteam schätzt die Vorreiterpotenziale der Metropole Ruhr für sieben Indikatoren ein, die besonders deutlich bei der Umweltwirtschaft und der Entwicklung der Grün- und Erholungsflächen herausstechen.

Industrieregionen stehen seit Jahrzehnten weltweit vor der Herausforderung, tiefgreifende Strukturveränderungen meistern zu müssen. Wie der nächste zentrale Schritt der nötigen Transformation gelingen kann, zeigt die Studie „Transformation zur ‚Grünsten Industrieregion der Welt‘ – aufgezeigt für die Metropole Ruhr“, die das Wuppertal Institut im Auftrag der Scholz & Friends Berlin GmbH für den Regionalverband Ruhr erstellte. Sie zeigt aus einer ganzheitlichen Perspektive systematisch, worauf es bei dieser Transformation für Industrieregionen besonders ankommt, um die Wirtschaftskraft der Region zu stärken, den Anforderungen des Umwelt- und Klimaschutzes gerecht zu werden und die Lebensqualität der Menschen zu steigern, denn: „Eine ‚grüne‘ Transformation zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit ist die zwingende Voraussetzung für eine ökonomisch, ökologisch und sozial tragfähige Zukunft von Industrieregionen“, betont Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler definieren entlang von sieben zentralen Handlungsfeldern und 35 Indikatoren, was eine „grüne Industrieregion“ ausmacht und welche Zielsetzungen dafür wichtig sind – insbesondere hinsichtlich des Zeithorizonts 2035, aber auch darüber hinaus. Dazu zählen etwa die Reduzierung der Treibhausgas-, Stickstoffdioxid- und Feinstaubemissionen, die ökologische Güte der Gewässer sowie der Anteil der erneuerbaren Energien am Endenergieverbrauch. Industrieregionen lassen sich mithilfe des Indikatorensets in ihrer Entwicklung von einer „konventionellen, grauen Industrieregion“ hin zu einer „modernen, grünen Industrieregion“ einordnen und bewerten.

Potenziale der Metropole Ruhr

Am Beispiel von sieben zentralen Indikatoren (ein Indikator je Handlungsfeld) untersucht das Autorenteam, welche Potenziale die Metropole Ruhr hat, eine weltweite Vorreiterrolle bei der Transformation zu einer grünen Industrieregion einzunehmen. In zwei der analysierten Bereiche attestieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dem Ruhrgebiet ein sehr hohes Vorreiterpotenzial.

Zum einen seien die Voraussetzungen in der Umweltwirtschaft besonders günstig. Hier ist die Zahl der Beschäftigten zwischen 2010 und 2019 bereits um 12,4 Prozent gestiegen. Einen Zuwachs um 35 Prozent bis zum Jahr 2035 halten die Forschenden des Wuppertal Instituts für möglich. Hierfür könnten etwa dynamische Entwicklungen bei umweltwirtschaftlich relevanten Technologien und Dienstleistungen beitragen und nicht zuletzt die Expertisen aus der dichten Hochschul- und Forschungslandschaft und der agilen Start-up-Szene des Ruhrgebiets genutzt werden.

Zum anderen bescheinigt die Studie der Metropole Ruhr sehr gute Ausgangsbedingungen bei der Entwicklung der Grün- und Erholungsflächen. Allein im Zeitraum von 2017 bis 2019 ist die Größe der Grün- und Parkanlagen im Ruhrgebiet von 14.829 auf 15.877 Hektar gestiegen, was einem Zuwachs von gut sieben Prozent entspricht. Revierparks, Industriekultur und Industrienatur zählen heute zu den anerkannten Markenzeichen der Metropole Ruhr.

Zu allen sieben Indikatoren beschreibt das Wuppertal Institut ausgewählte Schlüsselmaßnahmen, wie die Transformationsprozesse in der Metropole Ruhr zu einer „grünen Industrieregion“ ambitioniert und beschleunigt umgesetzt werden kann – beispielsweise durch: die Entwicklung einer klimaneutralen, auf ‚grünem‘ Wasserstoff basierenden Stahlindustrie, „Balkonkraftwerke“ in Form von Photovoltaikanlagen, ein 1.000 Kilometer langes und dichtes regionales Radschnellwegenetz, die Entwicklung einer Kreislaufwirtschaft und die Wiederherstellung der Durchgängigkeit der Fließgewässer für Fische und Gewässerorganismen.

„Dieser Transformationsprozess ist nur als Gemeinschaftswerk aller möglich“

Abschließend kommt die Studie zu dem Fazit, dass das Ruhrgebiet wie alle Industrieregionen noch vor enormen Herausforderungen steht. „Die Region ist in einigen Bereichen schon sehr weit gekommen, in anderen besteht noch Nachholbedarf“, resümiert Manfred Fischedick und ergänzt: „Diesen Pfad jetzt konsequent und beschleunigt aufzugreifen, bietet eine große Chance. Wenn die Metropole Ruhr den Transformationsprozess ambitioniert und zielorientiert umsetzt, kann sie für viele industriell geprägte Ballungsräume weltweit zu einer beispielgebenden Modellregion werden – mit einer klimaneutralen Stahlindustrie, umfangreich renaturierten Gewässern sowie einer starken Umweltwirtschaft.“

„Dieser Transformationsprozess ist nur als Gemeinschaftswerk aller möglich“, betonen die beiden Projektleitenden, Miriam Müller und Prof. Dr.-Ing. Oscar Reutter aus dem Forschungsbereich Mobilität und Verkehrspolitik am Wuppertal Institut. Das Autorenteam sieht dabei fünf Charakteristika und Mentalitäten der Menschen der Metropole Ruhr, die wesentlich zum Gelingen beitragen können: Weitblick, Transformationserfahrung, eine Anpack-Mentalität, Offenheit für Neues und solidarischer Zusammenhalt. Diese Eigenschaften seien wichtige Grundpfeiler für eine zukunftsfähige Gesellschaft in der Metropole Ruhr – und für die erfolgreiche Gestaltung nachhaltigkeitsorientierter Transformationsprozesse.

Download Studie

Quelle: Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH

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