Geringe Wahrnehmung: Geisternetze – die versteckten Meeresverschmutzer

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Fischernetz (Foto: Pixabay)

Rund die Hälfte des Müll-Eintrags in die Weltmeere stammt aus der Fischerei, schätzt der World Wildlife Fund (WWF). Und jedes Jahr kommen eine Million Tonnen Geräte-Rückstände hinzu.

Die geringe Wahrnehmung dieses gravierenden Problems hängt nach Ansicht von Experten nicht zuletzt damit zusammen, dass man es meist nicht sieht: Die zurückgelassenen Fischereigeräte treiben nicht wie leere Plastikflaschen auf der Wasseroberfläche, sondern vagabundieren unter ihr durch die Weltmeere oder sinken auf deren Grund. Damit sind sie jedoch keinesfalls weniger gefährlich als anderer Müll im Meer – im Gegenteil. Denn die Schnüre und Netze sind gefährliche Fallen, in denen sich Fische, Meeressäuger, Schildkröten und sogar Vögel verfangen können, um anschließend elend zugrunde zu gehen. Außerdem zersetzen sich die Fischereinetze nur äußerst langsam. Deshalb warnen Umwelt- und Tierschützer ganz besonders vor diesem Plastikabfall von Fischern, der verborgen vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu einem erheblichen Teil für das Plastikmüllproblem in den Meeren verantwortlich ist.

Ob es nun daran liegt, dass sie in der Regel im Verborgenen bleiben, oder weil sie „herrenlos“ durch die Gewässer treiben, die alten Fischernetze werden auch „Geisternetze“ genannt. Dieser möglicherweise angenehm gruselig klingende Begriff sorgt bei Umweltschützern jedoch für echten Grusel: eben wegen der Gefährdung für die Tierwelt und Gewässer, die von den Geisternetzen ausgeht.

1.000 Kilometer Geisternetze jährlich

Und insbesondere auch wegen ihrer schieren Menge. So sollen nach Schätzung des WWF weltweit Jahr für Jahr etwa ein Drittel aller Leinen und Angelschnüre in der Fischerei verloren gehen. Allein in den europäischen Meeren verschwinden laut WWF jährlich mehr als 1.000 Kilometer Fischnetze im Wasser. Dies entspreche einer Strecke von der Ostsee bis zu den Alpen, verdeutlicht die Umweltorganisation. Die Welternährungsorganisation (FAO) wiederum geht allein für europäische Gewässer von 25.000 verloren gegangenen Netzen aus mit einer Gesamtlänge von 1.250 Kilometern.

Wobei auch „verloren gegangen“ eine irreführende Bezeichnung für Geisternetze ist. Denn diese Fischereiutensilien werden oft bewusst aufgegeben, wenn Boote bei illegaler Fischerei erwischt werden, oder einfach auch nur deshalb, weil die korrekte Entsorgung ausgedienter Netze mit so hohen Kosten verbunden ist, dass sie einigen Fischereien untragbar erscheinen. Schleppnetze können sich aber auch an Gegenständen auf dem Meeresgrund verfangen und abreißen. Wie auch immer: Die oft kilometerlang umhertreibenden Geisternetze stellen eine immense Gefahr für Meeresbewohner dar – sowie letztlich auch für den Menschen, weil sie sich über Jahrhunderte zu sogenanntem Mikroplastik zersetzen und so über die Fische auf unsere Teller gelangen.

Angesichts des Risikos, das herrenlose Netze im Meer für den Schutz von Gewässern, Umwelt und Tieren darstellen, hat der WWF nun in Mecklenburg-Vorpommern das bundesweit erste Pilot-Projekt zur Bergung von Geisternetzen gestartet. Im Rahmen dieses Vorhabens wird der WWF zwei Jahre lang die Suche, Bergung und Entsorgung von Geisternetzen mit einer eigens zu diesem Zweck entwickelten Methode federführend durchführen und dabei mit Fischern sowie Behörden eng zusammenarbeiten. Wie die internationale Natur- und Umweltorganisation weiter erläutert, sollen für das Projekt erstmals auch Kapazitäten von Behörden genutzt werden, etwa indem ein landeseigenes Schiff zur Bergung eingesetzt wird. Das Pilotvorhaben wird mit Fischereigeldern finanziert, die von dem Küstenbundesland verwaltet werden. Zudem will das Umweltbundesamt gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium (BMU) das WWF-Projekt zur Sonarsuche in Nord- und Ostsee im Rahmen der Verbändeförderung unterstützen.

Mit Sonar auf Geisternetzjagd

Bei der Suche nach Geisternetzen geht der WWF mithilfe modernster Technik vor: Von Sonar-Geräten wird der Meeresboden nach den Netzen abgesucht. Das Sonar sei die effizienteste Art, verlorene Netze aufzuspüren, betont der WWF. Denn das Sonar kann bis zu 50 Meter weit zu beiden Seiten des Schiffes „sehen“. Ein Sonargerät tastet mit Schallwellen den Meeresboden ab und erzeugt so ein detailliertes Bild von allen Strukturen dort unten. Dabei werden nicht nur Steine, Sandwellen, Autoreifen und Fässer sichtbar, sondern eben auch Geisternetze. Der besondere Vorteil bei dieser Technik: Dank der Schallwellen kann auch bei schlechter Sicht der Meeresboden kartiert und nach Geisternetzen abgesucht werden.

Inzwischen scheinen nun auch die Entscheidungsträger in der Politik erkannt zu haben, dass das Aufkommen von Plastikmüll in den Meeren nicht prinzipiell den Kunststoffverpackungen angelastet werden darf. So kündigte der Minister für Landwirtschaft und Umwelt des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, unterdessen eine politische Initiative zur Lösung der Geisternetzproblematik an. Denn sich an „lieb gewordenen“ Feindbildern abzuarbeiten, trägt nun mal selten zur Lösung der eigentlichen Probleme bei. Und so fordert der WWF auch ganz klipp und klar, die Geisternetzsuche müsse zur staatlichen Aufgabe gemacht werden.

Quelle: Academic Society for Health Advice – an initiative of Paccor – Studiengesellschaft für Gesundheitsberatung e.V.

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