Bessere Chancen: Mentoring-Programm für stark benachteiligte Jugendliche

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Bild: Pixabay

Die Arbeitsmarktchancen von Jugendlichen aus stark benachteiligten Verhältnissen verbessern sich deutlich, wenn diese Schüler*innen von Student*innen unterstützt werden. Das geht aus einer neuen ifo-Studie hervor, die am Mittwoch in München vorgestellt wurde.

„Für diese Jugendlichen übersteigen die zu erwartenden Einkommenseffekte die Kosten des sogenannten Mentoring-Programms um ein Vielfaches“, sagt Ludger Wößmann, der das ifo Zentrum für Bildungsökonomik leitet.

Demnach verbessern studentische Unterstützer (Mentoren) bei Acht- und Neuntklässlern aus stark benachteiligten Verhältnissen ein Jahr nach Programmstart die Schulnote in Mathematik, die Geduld und die Sozialkompetenzen sowie die Arbeitsmarktorientierung der Schüler*innen. „Stark benachteiligte Jugendliche bekommen oft wenig Hilfe von ihren Eltern. Das Programm schließt die Lücke in ihren Arbeitsmarktaussichten im Vergleich zu Jugendlichen mit günstigerem Hintergrund“, sagt Wößmann. Ein wichtiger Aspekt dabei sei, dass die Jugendlichen ihre Mentoren als Ansprechpartner ansähen, um über ihre Zukunft zu sprechen. „Die positiven Effekte finden sich für Mädchen und Jungen gleichermaßen“, ergänzt Sven Resnjanskij, Koautor der ifo-Studie. „Demgegenüber gab es bei Jugendlichen aus weniger benachteiligten familiären Verhältnissen keine positiven Effekte des Programms.“

Die familiären Umstände seien nicht selbst verschuldet und lägen außerhalb der Kontrolle des Einzelnen, sagt Wößmann weiter. Unterschiede in der familiären Unterstützung seien ein wesentlicher Faktor für soziale Ungleichheit. So könne es nach Berechnungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) in Deutschland sechs Generationen dauern, bis die Nachkommen einer einkommensschwachen Familie das Durchschnittseinkommen erreichen.

„Rock your Life!“

Das ifo Institut untersuchte in einem mehrjährigen Projekt die Wirksamkeit eines großen deutschen Mentoring-Programms mit dem Namen „Rock your Life!“ An der Studie nahmen 308 Jugendliche in 19 Schulen teil. Sie wurden in eine Teilnehmergruppe und eine Vergleichsgruppe geteilt, um die Unterschiede herauszuarbeiten. Der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund unter den Teilnehmer*innen fiel mit 58 Prozent mehr als doppelt so hoch aus wie der deutsche Durchschnitt (28 Prozent). Jeder vierte Jugendliche in der Stichprobe lebte in einem alleinerziehenden Haushalt, verglichen mit 14 Prozent im deutschen Durchschnitt.

„„Rock your Life!“ wurde 2008 von einer Gruppe von Universitätsstudierenden ins Leben gerufen und wird mittlerweile in 42 Städten in ganz Deutschland angeboten. Seit der Gründung wurden mehr als 7.000 Schüler*innen bis zu zwei Jahre lang gefördert. Das Programm richtet sich an Jugendliche in Hauptschulen und vergleichbaren Schulformen in benachteiligten Stadtvierteln und stellt ihnen Student*innen als ehrenamtliche Paten zur Seite. Ziel ist ein erfolgreicher Übergang von der Sekundarstufe I in eine berufliche Ausbildung oder in die schulische Oberstufe. „Die Studienergebnisse zeigen, dass wir durch unser Mentoring noch recht spät in der Bildungsbiographie der sozial benachteiligten Jugendlichen die Lücke schließen können, die sich qua Herkunft unverschuldet aufgetan hat“, sagt Elisabeth Hahnke, Geschäftsführerin von „Rock your Life!“ „Das motiviert uns, unser Engagement noch stärker auszuweiten.“

Das Projekt wurde von der Wübben Stiftung, der Jacobs Stiftung, der Stiftung Porticus und der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung finanziell unterstützt. Markus Warnke, Geschäftsführer der Wübben Stiftung, sagt: „Die Ergebnisse der Studie sind nicht nur ein Kompliment für die vielen ehrenamtlich engagierten Paten, sondern auch eine Verpflichtung an die Politik, solche Projekte zu unterstützen.“

Integrationsstaatsministerin Annette Widmann-Mauz sagt: „Die Ergebnisse sind Ansporn für alle Bildungsverantwortlichen: Mentoring wirkt, baut Jugendlichen aus bildungsfernen Familien – ob mit oder ohne Einwanderungsgeschichte – eine Brücke in die Ausbildung und verbessert damit ihre Arbeitsmarktchancen. Solche Programme brauchen wir viel öfter.“

Der Co-Geschäftsführer der Jacobs Stiftung, Simon Sommer, sagt: „Das Projekt hat Vorzeigecharakter. Bildungsprogramme werden in Deutschland noch immer viel zu selten rigoros evaluiert. Wir brauchen viel mehr belastbare Daten, um belegen zu können, welche Maßnahmen tatsächlich wirken.“ Wößmann und Resnjanskij haben die Studie zusammen mit Jens Ruhose von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Simon Wiederhold von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt durchgeführt.

Quelle: ifo Institut

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