„Recycling von Kunststoffen muss ausgebaut werden“

856
Foto: Peter Polz

VDMA-Diskussionspapier: Dauerhafter Markt für Rezyklate ermöglicht Kreislaufwirtschaft mit Zukunft. Die Abfall- und Recyclingtechnikbranche sieht bei der Verwendung von Recyclingkunststoffen enormes Handlungspotenzial.

Der sorgsame Umgang mit den vorhandenen Ressourcen ist eines der wichtigsten Ziele unserer Zeit. Die Herausforderung für unsere Generation ist es, aufwändig hergestellte Materialen so lange wie möglich im Wirtschaftskreislauf zu halten.

Kunststoffe haben in der öffentlichen Meinung einen schlechten Ruf. Völlig zu Unrecht! Kunststoff erleichtert der Menschheit in vielen Situationen das Leben und kann sogar die Gesundheit schützen, wie uns die aktuelle Covid-19-Pandemie zeigt. Aber: unser Umgang mit Kunststoffen ist schlecht. Wenn sie richtig eingesetzt, recycelt und wiederverwendet werden, können sie zum Enabler und Teil der Lösung des Klimaschutzes werden.

Enormes Handlungspotenzial

Der VDMA Fachverband Abfall- und Recyclingtechnik sieht gerade bei der mehrfachen Verwendung von Kunststoffen enormes Handlungspotenzial. Bereits heute kann modernste Recyclingtechnologie einen großen Teil der allein in Deutschland verarbeiteten 14,4 Millionen Tonnen Kunststoffe recyceln. Dieser relevante Beitrag für den Klimaschutz ‒ beim Einsatz einer Tonne rezyklierten Kunststoff werden zwischen 1,45 und 3,2 Tonnen CO2-Äquivalent eingespart ‒ bleibt jedoch meist aus, da ein Absatzmarkt für die Rezyklate fehlt. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Nach Ansicht der Branche lässt sich ein Markt für Sekundärrohstoffe und damit auch eine erfolgreiche Kreislaufwirtschaft dauerhaft nicht ohne den richtigen Rechtsrahmen etablieren.

Größtes Problem für Sekundärkunststoffmärkte ist der Preis für Kunststoffneuware. Dieser hängt stark vom Preis des Rohstoffes ab, aus dem er gewonnen wird ‒ dem Rohöl. Der Ölpreisverfall der letzten Jahre, verstärkt durch die Covid-19-Pandemie, und die allgemein gesunkene Nachfrage nach Kunststoffen ‒ hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, haben den Sekundärrohstoffmarkt stark unter Druck gesetzt. Der Markt für Kunststoffrezyklate ist förmlich zusammengebrochen, weshalb bereits heute zahlreiche Kunststoffrecycler vor dem Aus stehen. Solange der Preis für Primärkunststoffe deutlich niedriger ist als der für Sekundärkunststoffe, gibt es keinen ökonomischen Anreiz Rezyklate einzusetzen. Die Folge: Unsicherheiten bei Recyclern und den Herstellern von Recyclingtechnologie. Auf dieser Basis lässt sich keine Kreislaufwirtschaft mit Zukunft aufbauen. Der Markt für Kunststoffrezyklate benötigt Planungssicherheit und stabile auskömmliche Preise, um zukunftsweisende Innovationen und Investitionen tätigen zu können.

Im Sinne von Ressourcenschutz und einer Kreislaufwirtschaft mit Zukunft, muss der Preis neuen Kunststoffes vom Rohölpreis entkoppelt werden. Dazu muss die Politik jetzt regulierend in den Markt eingreifen.

Verteuerung der Kunststoffneuware

Kunststoffverarbeiter sind Wirtschaftsunternehmen und werden ein Rezyklat nur dann nutzen, wenn es günstiger oder wesentlich besser ist als Kunststoffneuware oder die gesetzlichen Rahmenbedingungen es vorschreiben. Da die Herstellung von Rezyklaten einen konstanten Preis hat, muss die Neuware teurer werden. Für diese Verteuerung der Neuware kommen verschiedene Möglichkeiten in Frage.

Der VDMA Fachverband Abfall- und Recyclingtechnik fordert zur Verteuerung der Kunststoffneuware die Abschaffung der Ausnahme, die Kunststoffneuware von der Mineralölsteuer befreit. So würde eine jahrzehntelange Bevorteilung der Kunststoffneuware abgestellt.

Alternativ oder wenn notwendig ergänzend fordert der VDMA Fachverband Abfall- und Recyclingtechnik die Einführung einer zweckgebundenen Abgabe auf Virgin-Kunststoff. Die dabei generierten Mittel sollten dann unter anderem in die Forschung und Entwicklung zum zukünftig noch besseren Einsatz von Rezyklaten, speziell auch in den Bereichen Lebensmittel, Pharma und Kosmetik, genutzt werden. Die durch beide Varianten entstehenden höheren Preise für neuen Kunststoff werden die Entscheidung der Kunststoffverarbeiter hin zu recycelten Kunststoffen verbessern.

Quoten für den Einsatz von Rezyklaten

Neben besseren Marktchancen für Kunststoffrezyklate muss es nach Ansicht der Hersteller von Abfall- und Recyclingtechnologien eine Verpflichtung geben, Rezyklate einzusetzen. Dies wird weit über die Branche hinaus als zentraler Hebel für einen funktionierenden und vor allem zukunftssicheren Markt für Sekundärrohstoffe erachtet. Darüber hinaus kann der kontinuierlich hohe Einsatz von Rezyklaten eine tragende Säule des Klimaschutzes in Deutschland, Europa und der Welt werden, wie die eingangsbeschriebenen Einsparungen zwischen 1,45 und 3,22 Tonnen CO2-Äquivalent beim Einsatz einer Tonne rezyklierten Kunststoff zeigen.

Der VDMA Fachverband Abfall- und Recyclingtechnik fordert eine dynamisch wachsende Mindesteinsatzquote für Kunststoffrezyklate. Hierbei sollte der Fokus zu Beginn außerhalb des Lebensmittel-Bereiches und bei den „Standardkunststoffen“ (PE, PP, PET, PS und PVC) liegen. So besteht aus technischer Sicht keine Begründung dafür, warum zum Beispiel Mülltüten oder auch Elektrogeräte unter anderem nicht aus einem sehr hohen Anteil oder komplett aus recyceltem Kunststoff bestehen sollen. In weiteren Schritten können diese Mindesteinsatzquoten auch leicht auf weitere Bereiche ausgedehnt werden.

Qualitätsstandards – das Fundament für den Einsatz von Rezyklaten

Auch ein wettbewerbsfähiger Sekundärkunststoffmarkt mit definierten Einsatzquoten braucht für eine Kreislaufwirtschaft mit Zukunft gesicherte Qualitätsstandards für Rezyklate. In vielen Bereichen, in denen Kunststoffe heute eingesetzt werden, gelten besondere Produktbestimmungen und Anforderungen. So unterliegen beispielsweise Kunststoffe, die im Lebensmittelbereich eingesetzt werden, strikten Vorgaben, was die Verträglichkeit Lebensmittel – Kunststoff angeht. Im Automobilsektor wiederum, in dem Kunststoffe zum Leichtbau beispielsweise von Innenverkleidung eingesetzt werden, stellen sich andere Anforderungen an die Funktionalität.

Der VDMA Fachverband Abfall- und Recyclingtechnik weist auf die Notwendigkeit zur Einführung von Rezyklatqualitäten hin. Darauf basierend können dann weitere Qualitätskriterien und europäische Normen für Sekundärkunststoffe und dessen Wiederverwendung definiert werden, um die Produkteigenschaften und benötigte Qualität und Funktionalität zu berücksichtigen.

Quelle: VDMA Fachverband Abfall- und Recyclingtechnik (für den Inhalt verantwortlich)

Anzeige