Hürden meistern – Wie Kreislaufwirtschaft nachhaltig funktionieren kann

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Die NEST-Unit „Urban Mining & Recycling“ besteht nur aus Materialien, die nach dem Rückbau wiederverwendet, wiederverwertet oder kompostiert werden können (Bildquelle: Empa)

Die Kreislaufwirtschaft fasst in immer mehr Wirtschaftszweigen Fuß: Teilweise gibt es bereits etablierte Businessmodelle, teilweise ist sie erst in visionären Pioniertaten sichtbar. Wo liegen die Hürden einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft, und wie gelingt es, diese zu meistern? Darüber diskutierten die Teilnehmer des virtuellen „CE2 Labs“ am 23. Juni 2020 auf Einladung des Swiss Economic Forums, der Empa und des Nationalen Forschungsprogramms „Nachhaltige Wirtschaft“ (NFP 73).

„Eigentlich hätte ich Sie gerne bei uns an der Empa begrüßt“, bedauerte Roland Hischier zu Beginn seines Vortrags. Statt im St. Galler Lerchenfeld sprach der Leiter der Empa-Forschungsgruppe „Advancing Life Cycle Assessment“ stattdessen per Videokonferenz zu den 40 Teilnehmenden des CE2 Labs. Covid-19 hat für eine Verschiebung der Veranstaltung in den virtuellen Raum gesorgt. Nichtsdestotrotz entwickelte sich im Laufe des rund eineinhalbstündigen Labs eine lebhafte Diskussion zwischen den Teilnehmenden – die meisten von ihnen Experten und Fachleute, die sich von Berufs wegen mit Nachhaltigkeits- beziehungsweise Kreislaufthemen befassen.

Roland Hischier von der Empa und Barbara Dubach vom Nationalen Forschungsprogramm der Schweiz „Nachhaltige Wirtschaft“ (NFP 73) skizzierten zu Beginn der Veranstaltung ein Bild der Forschungslandschaft zur Kreislaufwirtschaft. Das NFP 73 hat sich eine ganzheitliche Betrachtung aller natürlichen Ressourcen und aller Stufen der Wertschöpfungskette auf die Fahne geschrieben.

Ein wichtiger Themenbereich ist dabei die Kreislaufwirtschaft, und darin angesiedelt das Projekt „LACE“, an dem Hischier und sein Team beteiligt sind. Gemeinsam mit weiteren Forschungsinstitutionen und Partnern aus der Wirtschaft wollen Hischier und Co. ganz konkrete Inputs für eine angewandte Kreislaufwirtschaft erarbeiten – und zwar sowohl zu Materialien und Technologien, aber auch zu den rechtlichen Voraussetzungen und Business-Modellen. Wie die späteren Gruppendiskussionen zeigten, lässt sich je nach Wirtschaftszweig in unterschiedlichen Gebieten Handlungsbedarf identifizieren.

„Taschen-Tinder“ und kompostierbare Kleidung

Bevor sich die Teilnehmenden allerdings in Gruppen aufteilten, zeigte Anna Blattert von der Freitag Lab.ag die Erfolgsgeschichte der beiden Freitag-Brüder auf. Eine Geschichte, an deren Ursprung der Gedanke der Wiederverwendung steht. Die Taschen aus alten Lkw-Blachen (Planen) sind mittlerweile auf der ganzen Welt bekannt. Hinzugekommen sind in den letzten Jahren Reparatur-Services für zerschlissene Taschen – zur weiteren Lebensverlängerung der Blachenprodukte, „Taschen-Tinder“ – eine Tauschbörse für langweilig gewordene Taschen, aber auch komplett neue Produkte wie eine biologisch abbaubare Kleiderkollektion.

Dass es in praktisch allen Bereichen durchaus Businessmodelle für kreislauffähige Produkte und Services gibt, darin waren sich die Teilnehmenden in den vier Kurz-Workshops einig. Aber auch darin, dass eine funktionierende Kreislaufwirtschaft viel mit einem Umdenken von uns allen zu tun hat. Zum Beispiel in der Bekleidungsindustrie: „Wir können heute den Textilkreislauf schließen, neue Garne aus alten Textilien spinnen und daraus neue Kleider machen“, sagte Annette Mark von der Schoeller Textil AG. „Die Herausforderung liegt im fehlenden Vertrauen der Kunden in diese Stoffe.“

Mit ähnlichen Schwierigkeiten schlägt sich auch der Baubereich herum. Dass heute kreislaufgerechtes Bauen möglich ist, hat die Empa zusammen mit Partnern mit der Unit „Urban Mining & Recycling“ im Forschungs- und Innovationsgebäude NEST bewiesen. Die Drei-Zimmer-Wohnung lässt sich komplett sortenrein auseinandernehmen und alle Materialien sind entweder wiederverwendbar, wiederverwertbar oder kompostierbar. „Die Akzeptanz des Bauherren gegenüber derartigen Materialien ist aber oft eine Hürde, stellte Selma Nayme-Schulz von Losinger Marazzi im Workshop „Baubranche“ fest. Dazu komme, dass Fragen der Gewährleistung und Garantie noch mehrheitlich ungelöst seien: „Wer übernimmt die Verantwortung, wenn ein wiederverwendetes Bauteil bricht?“, fragte Nayme-Schulz in die Runde.

Nachfrage nach Plastikverpackungen gestiegen

In den beiden Workshops „Foodbranche“ und „Consumer Goods“, geleitet durch Vertreter der SV Group beziehungsweise von Lidl Schweiz, kamen die Diskussionsteilnehmer relativ schnell auf Verpackungen zu sprechen. Man war sich einig, dass das Ziel die Verminderung von Plastik ist. Gerade hinsichtlich Verpackungen hat sich die öffentliche Wahrnehmung während der Corona-Krise aber deutlich gewandelt. So berichteten die Vertreter von Detailhändlern beispielsweise von einem merklichen Anstieg der Nachfrage nach verpackten Lebensmitteln aufgrund von Hygiene-Bedenken.

Letztlich hat eine funktionierende Kreislaufwirtschaft mitunter also viel mit individuellen Entscheidungen zu tun. Da unsere Ressourcenströme aber weltumspannend sind, lohnt sich ein themen- und branchenübergreifender Blick auf die Kreislaufwirtschaft, so wie ihn die Forschenden an der Empa haben und wie er auch im CE2 Lab angewandt wurde.

Quelle: Empa

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