Frühjahrsprognose 2020 der EU: Tiefe und ungleichmäßige Rezession

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Bild: Pixabay

Die Coronavirus-Pandemie ist für die Volkswirtschaften der EU und weltweit ein großer Schock und hat sehr schwerwiegende sozioökonomische Folgen. Sowohl die EU als auch die Mitgliedstaaten haben rasch und umfassend reagiert; nichtsdestotrotz wird die EU-Wirtschaft dieses Jahr eine Rezession historischen Ausmaßes erleben.

In der Frühjahrsprognose 2020 wird davon ausgegangen, dass die Wirtschaft des Euro-Währungsgebiets im Jahr 2020 um 7¾ %, und damit stärker als je zuvor, schrumpfen und 2021 um 6¼ % wachsen wird. Die EU-Wirtschaft dürfte 2020 um 7½ % kontrahieren und 2021 um 6 % wachsen. Die Wachstumsprojektionen für die EU und den Euroraum wurden gegenüber der Herbstprognose 2019 um rund neun Prozentpunkte nach unten korrigiert.

Der Schock für die EU-Wirtschaft ist insofern symmetrisch, als die Pandemie alle Mitgliedstaaten getroffen hat; gleichzeitig dürften sich sowohl im Hinblick auf den Rückgang der Produktion im Jahr 2020 (von -4¼ % in Polen bis -9¾ % in Griechenland) als auch die Stärke des Aufschwungs im Jahr 2021 deutliche Unterschiede zeigen. Die wirtschaftliche Erholung wird in den einzelnen Mitgliedstaaten nicht nur davon abhängen, wie sich die Pandemie im betreffenden Land entwickelt, sondern auch von der Struktur der Volkswirtschaften und ihrer Fähigkeit, mit stabilitätspolitischen Maßnahmen reagieren. Angesichts der wechselseitigen Abhängigkeit der EU-Volkswirtschaften wird sich die Dynamik des Aufschwungs in den einzelnen Mitgliedstaat auch auf die Stärke des Aufschwungs in anderen Mitgliedstaaten auswirken.

Valdis Dombrovskis, Exekutiv-Vizepräsident für eine Wirtschaft im Dienste der Menschen, erklärte: „Aktuell können wir nur versuchsweise erfassen, in welchem Ausmaß und mit welcher Schwere sich der Coronavirus-Schock auf unsere Volkswirtschaften niederschlägt. Die unmittelbaren Folgen werden für die Weltwirtschaft weitaus gravierender sein als die der Finanzkrise und in ihrer Intensität davon abhängen, wie sich die Pandemie entwickelt und wie gut wir es schaffen, die Wirtschaftstätigkeit in sicheren Bahnen wieder aufzunehmen und danach in eine Erholung zu steuern. Wir haben hier mit einem symmetrischen Schock zu tun: Sämtliche EU-Länder sind betroffen und dürften in diesem Jahr eine Rezession kaum vermeiden können. Die EU und ihre Mitgliedstaaten haben sich bereits auf außerordentliche Maßnahmen zur Abmilderung der Auswirkungen geeinigt. Die kollektive Erholung wird davon abhängen, dass wir auf europäischer und auf nationaler Ebene konsequent, entschlossen und gut abgestimmt reagieren. Gemeinsam sind wir stärker“

Paolo Gentiloni‚ EU-Kommissar für Wirtschaft, sagte: „Europa erlebt derzeit einen wirtschaftlichen Schock, wie wir ihn seit der Großen Depression nicht mehr erlebt haben. Sowohl die Tiefe der Rezession als auch die Stärke der Erholung werden nicht überall gleich sein und davon abhängen, wie schnell die Beschränkungen des Lockdown aufgehoben werden können, welche Rolle Dienstleistungen wie Tourismus in den einzelnen Volkswirtschaften spielen und welche finanziellen Ressourcen den einzelnen Ländern zur Verfügung stehen. Solche Divergenzen stellen eine Bedrohung für den Binnenmarkt und das Euro-Währungsgebiet dar, können aber durch entschlossenes gemeinsames Handeln auf europäischer Ebene abgemildert werden. Dieser Herausforderung müssen wir uns stellen.“

Starker Wachstumseinbruch, gefolgt von einer unvollständigen Erholung

Die Coronavirus-Pandemie hat Verbraucherausgaben, Industrieproduktion, Investitionen, Handel, Kapitalströme und Lieferketten stark in Mitleidenschaft gezogen. Die erwartete schrittweise Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen sollte den Weg zur Erholung ebnen. Es wird jedoch nicht erwartet, dass die EU-Wirtschaft die Verluste dieses Jahres bis Ende 2021 vollständig ausgleichen wird. Die Investitionen werden gedämpft bleiben, und auch der Arbeitsmarkt wird sich nicht vollständig erholen.

Nur wenn die politischen Maßnahmen, die die EU und die Mitgliedstaaten zur Bewältigung der Krise ergreifen, kontinuierlich Wirksamkeit zeigen, wird es gelingen, den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen und einen raschen, robusten Aufschwung zu ermöglichen, der die Volkswirtschaften auf den Weg eines nachhaltigen, inklusiven Wachstums bringt.

Weiterer Anstieg der Arbeitslosigkeit erwartet, eindämmende Wirkung politischer Maßnahmen

Auch wenn Kurzarbeitsregelungen, Lohnzuschüsse und die Unterstützung von Unternehmen dazu beitragen dürften, den Verlust von Arbeitsplätzen zu begrenzen, wird die Coronavirus-Pandemie schwerwiegende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben.

Für die Arbeitslosenquote im Euro-Währungsgebiet wird ein Anstieg von 7,5 % im Jahr 2019 auf 9½ % im Jahr 2020 und danach wieder ein Rückgang auf 8½ % im Jahr 2021 erwartet. In der EU wird die Arbeitslosenquote voraussichtlich von 6,7 % im Jahr 2019 auf 9 % im Jahr 2020 ansteigen und dann auf rund 8 % im Jahr 2021 sinken.

In einigen Mitgliedstaaten wird die Arbeitslosigkeit stärker ansteigen als in anderen. Besonders anfällig sind Länder mit einem hohen Anteil von Arbeitnehmern mit befristeten Kurzzeitverträgen und von Arbeitskräften, die vom Tourismus abhängig sind. Auch für junge Menschen, die in dieser Zeit in den Arbeitsmarkt eintreten, wird es schwieriger, ihre erste Stelle zu finden.

Starker Rückgang der Inflation

Die Verbraucherpreise dürften in diesem Jahr aufgrund des Nachfragerückgangs und der drastischen gefallenen Ölpreise erheblich sinken, wodurch isolierte Preiserhöhungen infolge pandemiebedingter Versorgungsunterbrechungen mehr als ausgeglichen werden dürften.

Die Inflation im Euro-Währungsgebiet, gemessen am harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI), wird nun auf 0,2 % im Jahr 2020 und 1,1 % im Jahr 2021 geschätzt. Für die EU wird eine Inflation von 0,6 % im Jahr 2020 und 1,3 % im Jahr 2021 prognostiziert.

Entschlossene politische Maßnahmen werden zu einem Anstieg der öffentlichen Defizite und des öffentlichen Schuldenstands führen

Die Mitgliedstaaten haben entschlossen mit fiskalischen Maßnahmen reagiert, um den durch die Pandemie verursachten wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen. „Automatische Stabilisatoren“ wie die Zahlung von Sozialleistungen dürften in Verbindung mit diskretionären fiskalischen Maßnahmen zu einem Anstieg der Ausgaben führen. Das gesamtstaatliche Defizit des Euro-Währungsgebiets und der EU dürfte infolgedessen von nur 0,6 % des BIP im Jahr 2019 auf rund 8½ % im Jahr 2020 ansteigen, bevor es 2021 wieder auf rund 3½ % zurückgeht.

Nach einem seit 2014 rückläufigen Trend wird auch die öffentliche Schuldenquote voraussichtlich steigen. Im Euro-Währungsgebiet wird ein Anstieg von 86 % im Jahr 2019 auf 102¾ % im Jahr 2020 und danach wieder ein Rückgang auf 98¾ % im Jahr 2021 erwartet. In der EU wird die Schuldenquote voraussichtlich von 79,4 % im Jahr 2019 auf rund 95 % in diesem Jahr steigen, bevor sie im nächsten Jahr auf 92 % sinkt.

Außergewöhnlich hohe Unsicherheit und Abwärtsrisiken

Die Frühjahrsprognose ist mit einem höheren Grad an Unsicherheit behaftet als üblich. Sie beruht auf einer Reihe von Annahmen über die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie und der damit verbundenen Eindämmungsmaßnahmen. Im Basisszenario wird davon ausgegangen, dass die Ausgangsbeschränkungen ab Mai schrittweise aufgehoben werden.

Die mit dieser Prognose verbundenen Risiken sind außergewöhnlich hoch und vor allem abwärts gerichtet.

Eine schwerere und länger andauernde Pandemie als derzeit erwartet könnte zu einem weitaus stärkeren Rückgang des BIP führen als im Basisszenario dieser Prognose angenommen. Ohne starke und zeitnahe gemeinsame Strategie zur Konjunkturbelebung auf EU-Ebene besteht die Gefahr, dass die Krise zu schwerwiegenden Verzerrungen auf dem Binnenmarkt und zu tief greifenden wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Unterschieden zwischen Mitgliedstaaten des Euro-Währungsgebiets führt. Zudem besteht die Gefahr, dass die Pandemie zu einem drastischeren und länger andauernden Wandel der Einstellung gegenüber globalen Wertschöpfungsketten und der internationalen Zusammenarbeit führen könnte, was die extrem offene und stark vernetzte europäische Wirtschaft belasten würde. Die Pandemie könnte auch durch Insolvenzen und lang anhaltende Schäden am Arbeitsmarkt dauerhafte Narben hinterlassen.

Auch die Gefahr von Zöllen, die nach Ende des Übergangszeitraums zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich eingeführt werden, könnte das Wachstum dämpfen, wenn auch in geringerem Maße in der EU als im Vereinigten Königreich.

Rein technische Annahme für das Vereinigte Königreich

Da die künftigen Beziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich noch nicht geklärt sind, beruhen die Projektionen für 2021 auf einer rein technischen Annahme des Status quo in Bezug auf die Handelsbeziehungen. Sie dient ausschließlich Prognosezwecken und ist keine Vorwegnahme oder Vorhersage des Ergebnisses der Verhandlungen über die künftigen Beziehungen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich.

Hintergrund

Die Prognose basiert auf einer Reihe technischer Annahmen für Wechselkurse, Zinssätze und Rohstoffpreise mit Stichtag 23. April. Bei allen anderen herangezogenen Daten, auch den Annahmen zu staatlichen Maßnahmen, wurden in dieser Prognose Informationen bis einschließlich 22. April berücksichtigt. Den Projektionen liegt die Annahme einer unveränderten Politik zugrunde, es sei denn, es wurden glaubwürdig konkrete politische Maßnahmen angekündigt.

Die Europäische Kommission veröffentlicht jedes Jahr zwei umfassende Prognosen (im Frühjahr und im Herbst) und zwei Zwischenprognosen (im Winter und im Sommer). Die Zwischenprognosen enthalten jährliche und vierteljährliche BIP- und Inflationszahlen für das laufende und das folgende Jahr für alle Mitgliedstaaten sowie die aggregierten Zahlen für die EU insgesamt und für das Euro-Währungsgebiet.

Als nächste Wirtschaftsprognose wird die Europäische Kommission ihre Sommerprognose 2020 vorlegen, die im Juli 2020 veröffentlicht werden soll und nur das BIP-Wachstum und die Inflation erfassen wird. Die nächste vollständige Prognose wird im November 2020 präsentiert.

Quelle: EU-Kommission

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