„Umweltcluster Leuchtturm 2014“: Die Projektziele wurden größtenteils übertroffen

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Faulbehälters mit integriertem Gasspeicher (Foto: Umweltcluster Bayern)

Augsburg — Das Projekt „Energetische Optimierung der Kläranlage Bad Abbach durch Nachrüstung einer anaeroben Klärschlammbehandlung“ wurde auf der IFAT 2014 mit dem „Umweltcluster Leuchtturm 2014“ für die ausgezeichnet. Planungsbeginn war April 2011, Baubeginn 2012, der Faulturm wurde im Dezember 2013 in Betrieb genommen. Nach fast einem Jahr im Betrieb hat jetzt der Trägerverein Umwelttechnologie-Cluster Bayern e.V. ein kurzes Fazit gezogen und die Projektträger und Kooperationspartner nach ihren Erfahrungen befragt. .

Umweltcluster Bayern: Wie sind Sie mit der Entwicklung des Projekts zufrieden?

Oskar Beck / Raimund Lederer, Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz: Die Nachrüstung der Kläranlage Bad Abbach mit einer anaeroben Klärschlammbehandlungsanlage ist ein wichtiger Baustein im Rahmen unseres umfassenden Projekts „Kläranlage der Zukunft“. Die bisherigen Betriebsergebnisse in Bad Abbach bestätigen überzeugend, dass es möglich ist, auch bei einer kleineren Kläranlage wirtschaftlich eine Schlammfaulung mit energetischer Faulgasverwertung zu betreiben. Damit werden die Energieeffizienz der Kläranlage gesteigert, der Strombezug vermindert und zugleich die Emission des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlendioxid verringert. Kläranlagen, die dies leisten, gehören mit Recht zu den „Kläranlagen der Zukunft“.

Umweltcluster Bayern: Wie beurteilen Sie den aktuellen Stand der Ergebnisse und die Möglichkeit der Übertragung der Ergebnisse auf andere Standorte?

Stefan Bleisteiner, Bayerisches Landesamt für Umwelt: Die bisherigen Einsparungen an Strom- und Klärschlammentsorgungskosten entsprechen den Erwartungen ebenso wie die Möglichkeit kostengünstige Technologien aus dem Biogasanlagenbereich mit entsprechenden Modifizierungen auch im kommunalen Bereich einsetzen zu können. In Bayern gibt es rund 130 Kläranlagen mit aerober Schlammstabilisierung im Bereich von 10.000 – 50.000 EW Ausbaugröße, die besonders für die Nachrüstung einer Faulung in Frage kommen. Die Betreiber dieser Kläranlagen finden in Bad Abbach nun eine umfassend untersuchte Referenzanlage für den Einsatz der Anaerobtechnik. Hier ist energetisches Einsparpotenzial bei der Abwasserbehandlung vorhanden, das in Zeiten von Energiewende, Klimawandel und steigender Energiepreise genutzt werden sollte

Umweltcluster Bayern: Welche neuen Erkenntnisse in der Abwassertechnik ergaben sich durch die Untersuchung?

Detlef Wedi, ATM Abwassertechnik: Nach dem bisherigen Betrieb ist abzusehen, dass die wesentlichen Projektziele durchweg erreicht werden. Die eingesetzte Bau- und Betriebsweise des Faulbehälters aus Stahl mit integriertem Gasspeicher erweist sich für den Einsatz auf einer Kläranlage als geeignet. Der Betrieb des eingesetzten kleinen BHKW zeigt sich prozessstabil. Durch die Verfahrensumstellung auf eine anaerobe Stabilisierung ergibt sich trotz der komplexeren Verfahrenstechnik ein nahezu unveränderter Strombedarf im Vergleich zur simultan aeroben Schlammstabilisierung als Referenz. Der Anteil der Eigenstromerzeugung durch die Verstromung des Faulgases liegt jedoch bei rund 65% des Stromverbrauches. Der Schlammanfall kann gegenüber dem Referenzzustand um 24% reduziert werden. Demgegenüber steht ein erhöhter Personalaufwand von ca. 35 Stunden/Monat.

Neben der hohen Prozessstabilität lässt sich aus der Höhe der Investitionen und der laufenden Kosten am Beispiel der Kläranlage Bad Abbach absehen, dass eine verfahrenstechnische Umstellung in der durchgeführten Weise allein aus der Einsparung laufender Kosten bereits bei einer Auslastung von ca. 10.000 EW langfristig wirtschaftlich sein kann. Können zudem bauliche Erweiterungsmaßnahmen, z.B. Erweiterung von Belebungsbecken, vermieden werden, wird der wirtschaftliche Einsatz der anaeroben Schlammstabilisierung auf kleineren Kläranlagen noch weiter gestützt. Ebenso verbessern höhere Energie- und Schlammverwertungskosten die wirtschaftlichen Rahmenbedin­ gungen zugunsten der anaeroben Schlammstabilisierung. Die Verfahrensumstellung sollte daher bei Kläranlagen mit mittleren Auslastungen von 8.000 bis 20.000 EW immer im Einzelfall geprüft werden.

Umweltcluster Bayern: Welche Empfehlungen könnten Sie Interessenten anderer Standorte geben? Wie werden die wissenschaftlichen Ergebnisse zugänglich gemacht?

Prof. Dr. Oliver Christ, Hochschule Weihenstephan-Triesdorf: Neben den technisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen, die sicher auch in die einschlägigen Regelwerke eingehen werden, freut es mich besonders, dass wir das Energiepotenzial von Abwasser einer breiteren Öffentlichkeit aufzeigen konnten. Das Projekt beendet somit hoffentlich die ziemlich paradoxe Vorgehensweise bei der Abwasserbehandlung in kleineren Kläranlagen, bei der wertvolle chemisch gebundene Energie in Form von organischem Kohlenstoff im Abwasser unter energieintensiver Zuführung von Luft-Sauerstoff eliminiert wird. Die Alternative dazu wird in Bad Abbach aufgezeigt, da hier der Kohlenstoff in Biogas zur Stromerzeugung umgewandelt wird.
In Bad Abbach konnten wir die Grundlagen dafür legen, um zu beurteilen unter welchen Randbedingungen diese Technik wirtschaftlich eingesetzt werden kann. Zusammen mit der Verleihung des Leuchtturms in den vergangenen Jahren für die beiden Projekte „Wärmegewinnung aus Abwasser in der Kanalisation“ sowie „Energieerzeugung aus Klärschlamm“ hat der Umwelt Cluster Bayern das richtige Gespür für Technologien gezeigt, die zwei Funktionen aufweisen: Umwelt schützen und Energie erzeugen.

Umweltcluster Bayern: Worin bestanden die Herausforderungen bei der Planung und wie beurteilen Sie die Umsetzung der Anlage?

Projektleiter Dipl.-Ing. Kai Chistensen, BBI Bauer Beratende Ingenieure: Mit dem Einsatz der Biogastechnologie im Kläranlagenbau betraten wir in der Planung Neuland. Bei diesem Pilotprojekt konnten wir deshalb nicht auf bestehende und erprobte Systeme zurückgreifen, sondern mussten unseren Erfahrungsschatz bei der Anpassung der Technologie an die besonderen Anforderungen auf Kläranlagen einsetzen. Die bisherigen Ergebnisse und Betriebserfahrungen bestätigen vollumfänglich unserer Ansätze und die gewählten Lösungen. Nach der Einfahrphase kann die Kläranlage rund zwei Drittel des benötigten Stroms selbst erzeugen und die Abwärme des Gasmotors wird zum Heizen genutzt. Zudem hat sich die Menge des anfallenden Klärschlammes um etwa ein Viertel reduziert. Damit wurden die Projektziele größtenteils sogar übertroffen.

Umweltcluster Bayern: Wie war die bisherige Resonanz auf die Auszeichnung mit dem Umweltcluster Leuchtturm 2014?

Dieter Krückl, Markt Bad Abbach: Der Gewinn des Umweltcluster Leuchtturm 2014 ist für den Markt Bad Abbach eine große Ehre und dementsprechend würdig haben wir die Trophäe zunächst einmal im Rathaus ausgestellt. Wir wollten der Bevölkerung von Bad Abbach diese Auszeichnung in Verbindung mit dem Umbau der Kläranlage nochmals näherbringen, bevor der Leuchtturm seinen endgültigen Standort auf der Kläranlage eingenommen hat. In den Fachkreisen hat sich der Gewinn schnell herumgesprochen. Dementsprechend hoch war und ist das Interesse bis jetzt. Es gibt Anfragen von anderen Kommunen, Wasserzweckverbänden, Ingenieurbüros oder Fachhochschule bzgl. einer Betriebsbesichtigung.

Ein Abschlussbericht wird im Frühjahr 2015 in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Umwelt erstellt. Die wichtigsten Ergebnisse sollen nach Abschluss des Pilot-Projekts in Seminaren, Fachvorträgen und Publikationen vorgestellt werden.

Quelle: Trägerverein Umwelttechnologie-Cluster Bayern e.V.