Zu 60 Prozent aus Zellstoff: Wertschöpfung aus Windeln

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Quelle: Technische Hochschule Mittelhessen

Gießen — Wie Erwachsenenwindeln kostengünstig und ökologisch verwertet werden können, erforscht eine Projektgruppe der Technischen Hochschule Mittelhessen. Etwa 200.000 Tonnen dieser Inkontinenzabfälle fallen jährlich in Deutschland an, deren Anteil im  Restmüll von Pflegeeinrichtungen 70 Prozentbeträgt. Hauptziele des Projekts sind die Gewinnung von Biogas und die Verwertung des Gärreste: Moderne Inkontinenzwindeln bestehen zu mehr als 60 Prozent aus Zellstoff, der generell hierfür geeignet ist.

Die Ablagerung organischer Abfälle auf Deponien ist in Deutschland verboten. Die einzig legale Möglichkeit der Entsorgung von Inkontinenzprodukten ist deshalb aktuell die Verbrennung. Die Gießener Wissenschaftler entwickeln hierzu eine Alternative, die ein Logistikkonzept einschließt. Kooperationspartner ist die Vitos Weilmünster gGmbH. Das Unternehmen betreibt zwölf Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Außerdem arbeiten die Gießener Ingenieure mit der Abena GmbH in Zörbig, der Bergisch-Gladbacher Theocare GmbH und der Universität Gießen zusammen.

Zerkleinert und vergoren

Die Inkontinenzprodukte werden auf der Pflegestation gesammelt und mit einem Vakuumiersystem luftdicht verschweißt. Das minimiert die Geruchsbelastung und reduziert das Abfallvolumen deutlich. In einer mehrstufigen Versuchsanlage werden die Windeln zunächst zerkleinert. Mit diesem Rohstoff beschicken die Wissenschaftler kontinuierlich einen Gärreaktor, der bei einer Temperatur von 55 bis 57 Grad arbeitet. Die Gärreste – vorrangig der nicht abgebaute Kunststoff – werden gewaschen und mittels Presse entwässert. Der so aufbereitete Kunststoffanteil kann einer stofflichen oder thermischen Verwertung zugeführt werden.

Wie Erwachsenenwindeln kostengünstig und ökologisch verwertet werden können, erforscht eine Projektgruppe der THMittelhessen. Der Versuchsreaktor hat ein Volumen von einem Kubikmeter. Er verarbeitet pro Tag acht bis zwölf Kilogramm Windeln. Pro Kilogramm liefert die Anlage im Durchschnitt etwa 70 Liter Methan. Das ist annähernd der gleiche Ertrag wie beim Einsatz von Zuckerrüben. „Damit haben wir gezeigt, dass aus Inkontinenzprodukten ein beträchtlicher Gasertrag mit einer gut verwertbaren Qualität zu erzielen ist“, so die Wissenschaftliche Mitarbeiterin Johanna Heynemann, die gemeinsam mit ihren Kollegen Steffen Herbert und Thomas Luthardt-Behle in dem Projekt arbeitet.

Vergärung oder Verbrennung?

Wesentlicher Bestandteil des Vorhabens ist neben der Verfahrenstechnik die Entwicklung eines ökologisch und betriebswirtschaftlich tragfähigen Gesamtkonzepts für Erfassung, Behandlung und Verwertung der Inkontinenzabfälle. Unter welchen Bedingungen die Vergärung gegenüber der Verbrennung tatsächlich Vorteile bietet, wollen die Forscher im nächsten Schritt untersuchen. Dabei hängt viel vom Logistikkonzept ab. So soll zum Beispiel herausgefunden werden, wie sinnvoll es ist, eine Anlage direkt an einem Pflegeheimstandort zu bauen und das Biogas zur gleichzeitigen Gewinnung von Strom und Wärme (Kraft-Wärme-Kopplung) zu nutzen.

Im Rahmen der Förderlinie FHprofUnt unterstützt das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Vorhaben mit 312.000 Euro.

Quelle: Technische Hochschule Mittelhessen