Kerkhoff: Strukturkrise der Stahlindustrie erfordert politischen Perspektivwechsel

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Quelle: Wirtschaftsvereinigung Stahl

Düsseldorf — Anlässlich des Stahltages 2014 in Düsseldorf hat der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl und Vorsitzende des Stahlinstituts VDEh, Hans Jürgen Kerkhoff, Bilanz gezogen: „Einerseits nimmt der konjunkturelle Gegenwind zu, andererseits hat sich ein ohnehin intensiver internationaler Wettbewerb auf den globalen Stahlmärkten noch einmal verschärft. Hinzu kommt die anhaltende Strukturkrise auf dem europäischen Stahlmarkt. In dieser Situation ist die Stahlindustrie mehr denn je auf wettbewerbsgerechte wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen angewiesen.“

Die Konjunkturdaten für die deutsche Volkswirtschaft haben in den letzten Monaten enttäuscht, resümiert Kerkhoff. Trotzdem sieht er keinen Anlass, seine zu Jahresbeginn bewusst konservativ formulierte Prognose für die Rohstahlproduktion 2014 von 43 Millionen Tonnen zu korrigieren. Zwar habe sich die Erzeugung zuletzt im Verlauf leicht abgeschwächt und sei im dritten Quartal um drei Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum rückläufig gewesen. Allerdings wurde sie in den letzten Monaten durch Reparaturen behindert. Im bisherigen Jahresverlauf hat die Produktion bislang um 2,5 Prozent zugelegt, im Gesamtjahr dürfte sich laut Kerkhoff ein Anstieg von ein Prozent ergeben. Die Kapazitätsauslastung verbessere sich als Folge von Werksschließungen spürbar, bleibt allerdings mit 86 Prozent hinter dem langfristigen Durchschnitt von 90 Prozent zurück. Die EU liege bei einer Kapazitätsauslastung von 77 Prozent.

Aussicht „vorsichtig optimistisch“

Für die kommenden Monate erwartet Kerkhoff, dass der konjunkturelle Gegenwind für die Stahlindustrie wahrscheinlich zulegen wird. Er geht aber davon aus, dass die deutsche Wirtschaft trotz der zuletzt schwach ausgefallenen Konjunkturdaten nur in eine Delle, nicht aber in eine Rezession fallen wird. Für das kommende Jahr bleibe man daher auch für den Stahlmarkt „vorsichtig optimistisch“ und rechne mit einer stabilen bis moderat wachsenden Stahlnachfrage. Der aktuellen Einschätzung zufolge werde sich die Marktversorgung mit Walzstahl 2015 um ein Prozent auf 39,4 Millionen Tonnen erhöhen nach einem Anstieg von zwei Prozent im laufenden Jahr.

Investitionsschwäche überwinden

Eine dynamischere Entwicklung wäre allerdings möglich, wenn es gelingen würde, die Investitionsschwäche in Deutschland zu überwinden. Die gesamtwirtschaftliche Investitionsquote ist hierzulande seit Jahren rückläufig, die Unternehmen sind zunehmend von den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen verunsichert. Hinzu kommen erhebliche Mängel bei der staatlichen Infrastruktur, besonders im Verkehr. Dies belastet uns als transportintensive Industrie nicht nur von der Nachfrageseite, sondern bedroht auch unsere Wettbewerbsfähigkeit, die auf kurzen Wegen und Lieferzuverlässigkeit beruht. Wir sehen es daher als dringend notwendig an, dass die finanziellen Spielräume, die im Rahmen der Schuldengrenze bestehen, ausgenutzt werden, um offenkundig bestehende Defizite zu beheben. Regional vernetzte Wertschöpfungsketten sind auf eine verlässliche Infrastruktur angewiesen.

Weiter in schwierigem Umfeld

Eine voraussichtlich stabile Entwicklung der Mengenkonjunktur 2015 auf dem deutschen Markt darf nicht den Blick auf die weiterhin schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Stahlindustrie in Deutschland verstellen. Grund sind die Strukturkrise auf dem EU-Stahlmarkt auf der einen Seite sowie der verschärfte Importwettbewerb als Folge der bestehenden globalen Unterauslastung der Kapazitäten.

Auf dem europäischen Markt bleibt die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage weiterhin bestehen: Es ist zwar ein ermutigendes Zeichen, dass der europäische Stahlverband Eurofer auch für das kommende Jahr von einer leicht wachsenden Stahlnachfrage ausgeht. Die Erholung vollzieht sich allerdings ausgehend von einem niedrigen Niveau. Sie kommt zudem gerade in größeren Märkten wie in Frankreich und Italien, auf die zusammen 25 Prozent des europäischen Marktvolumens entfallen, kaum voran. In Summe bleibt es daher dabei, dass das Nachfrageniveau auch 2015 noch rund 25 Prozent unter dem Vorkrisenlevel auskommen wird.

Chinesische Überkapazitäten problematisch

Die Strukturkrise der EU-Stahlindustrie wird durch einen erhöhten Importdruck noch einmal verschärft: Die Drittlandeinfuhren in den EU-Markt haben im bisherigen Jahresverlauf um 14 Prozent zugelegt, nachdem sie bereits im Vorjahr um 10 Prozent angestiegen waren. Die Importquote erreicht inzwischen hohe 18 Prozent und befindet sich damit wieder auf dem Niveau von 2008, das durch eine völlig andere Marktsituation gekennzeichnet war. Deutliche Zuwächse kamen in diesem Jahr aus Russland und insbesondere aus China.

Besondere Sorge bereitet der Anstieg der chinesischen Stahlexporte. Das Wachstum in China kommt offensichtlich früher zu einem Ende als bislang erwartet. Dadurch spitzt sich die Überkapazitätsproblematik weiter zu. In der Folge hat China seine Ausfuhr in diesem Jahr um 40 Prozent erhöht, im September sogar um 73 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr beläuft sich der Exportanstieg auf mehr als 25 Millionen Tonnen. und übersteigt damit das gesamte Nachfragewachstum, das der Weltstahlverband für die restliche Welt erwartet. Die chinesischen Exporte in die EU sind in den ersten acht Monaten um 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr entspricht dies einem Plus von gut einer Million Tonnen bzw. rund einem Viertel des gesamten Nachfragezuwachses in der EU

Politischer Perspektivwechsel gefordert

Die Strukturkrise auf dem EU-Stahlmarkt kann nicht alleine durch Anpassungen auf der Angebotsseite gelöst werden. Notwendig sind auch Impulse von der Nachfrageseite. Wir brauchen daher dringend einen Perspektivwechsel in Europa, der Wachstum und Beschäftigung in den Vordergrund rückt, zu mehr privaten und öffentlichen Investitionen führt und damit auch die industrielle Wertschöpfung stärkt. Die Weichen hierfür müssen von der neuen Europäischen Kommission gesetzt werden.

Die Stahlindustrie braucht einen politischen Perspektivwechsel. Die konjunkturelle Situation ist zwar stabil, aber wirtschaftlich unbefriedigend. Zudem nimmt der Importdruck gerade auch aus China zu, und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind ungewiss. Die Reform des Emissionsrechtehandels und die dauerhafte Befreiung der ökologisch vorteilhaften Eigenstromerzeugung von der EEG-Umlage sind für die Perspektiven des Stahlstandorts unverzichtbar.

Das komplette Statement von Hans Jürgen Kerkhoff ist unter stahl-online.de zu finden.

Quelle: Wirtschaftsvereinigung Stahl