Startschuss für Mikroplastik-Studien in Baden-Württembergs Gewässern gefallen

1280
Quelle: LUBW Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg

Karlsruhe — Umweltminister Franz Untersteller gab vor wenigen Tagen den offiziellen Startschuss für Mikroplastikuntersuchungen in den baden-württembergischen Gewässern. Für diese Untersuchungen wird das Messschiff „Max Honsell“ der LUBW Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg eingesetzt. Die LUBW koordiniert die Untersuchungen und konnte für die wissenschaftliche Betreuung den Spezialisten Professor Dr. Christian Laforsch von der Universität Bayreuth gewinnen.

„Wie alle Dinge hat auch Kunststoff eine zweite Seite, eine Nebenwirkung, die uns zunehmend Probleme macht“, erklärt der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller, „Kunststoffe besitzen eine extrem lange Abbauzeit von mehreren hundert Jahren. Viele Kunststoffe, die in die Umwelt gelangt sind, sind auch heute noch dort zu finden. Wir hinterlassen den kommenden Generationen ein langlebiges und unangenehmes Erbe, dessen Risiko wir kaum abschätzen können.“

Mikroplastik im Gardasee

Im letzten Herbst ließ eine Untersuchung am italienischen Gardasee die Verantwortlichen in Europa aufhorchen. Im Sediment wurde Mikroplastik gefunden. Bisher war man davon ausgegangen, dass Mikroplastik eher ein Thema der Meere sei. „Wir nehmen von politischer Seite diese Tatsachen sehr ernst“, betont Umweltminister Untersteller. „Deshalb haben wir die LUBW beauftragt, die baden-württembergischen Gewässer auf Mikroplastik zu untersuchen. Mit gesicherten Erkenntnissen können wir gezielt handeln und die richtigen Konsequenzen ziehen – national und international.“

Die Präsidentin der LUBW, Margareta Barth, ergänzt: „Wir sind froh, dass wir für diesen Auftrag Professor Laforsch gewinnen konnten. Er hat die Untersuchungen am Gardasee durchgeführt und tätigt zurzeit weitere in Bayern. So ist durch eine einheitliche Untersuchungsmethode die Vergleichbarkeit der Ergebnisse gewährleistet.“

Sehr viele offene Fragen

Christian Laforsch ist für die erste Probenahme am Neckar nach Lauffen gereist und bespricht mit den Mitarbeitern der LUBW das Vorgehen. Er berichtet: „Wir haben an manchen Uferbereichen des Gardasees Konzentrationen von Mikroplastikpartikel gefunden, die den hohen Konzentrationen an Meeresstränden entsprachen. Wir konnten beispielsweise die Kunststoffe PVC, Polystyrol und Polyethylen identifizieren. Diesen sind oft weitere Chemikalien wie Weichmacher oder Flammschutzmittel zugesetzt. Würmer, Schnecken, Muscheln, Wasserflöhe und Muschelkrebse nehmen das Mikroplastik mit der Nahrung auf und dienen dann selbst wiederrum als Nahrungsquelle für Fische.“

Die gefundenen Kunststoffteile stammen vorwiegend von Konsumgütern und Verpackungen und geraten direkt oder über unsachgemäße Entsorgung in Oberflächengewässer, verrotten und werden zu Mikroplastik. „Wir vermuten, dass die Kontamination in Gewässern nahe städtischer Zentren und Industriegebiete noch stärker sein könnte“, so Laforsch. „Bisher beschäftigen sich nur wenige Studien mit Mikroplastikpartikeln in Binnengewässern. Darum gibt es noch sehr viele offene Fragen hinsichtlich der Quellen, der eingetragenen Mengen, dem Verbleib und der Folgen für Tiere und das Ökosystem. Diese Studien untersuchten die Donau in Österreich, die Seine in Frankreich, den Genfer See in der Schweiz und die Großen Seen in Kanada. Überall wurde Mikroplastik gefunden. Dies lässt eine globale Problematik von Mikroplastik in Binnengewässern vermuten.“

Partikel von wenigen Mikrometern extrahiert

Die Aufbereitung der Proben erfolgt über Dichtetrennung mit dem sogenannten „Munich Plastic Sediment Separator“ (MPSS). Diesen entwickelten die Bayreuther Forscher gemeinsam mit Kollegen des Instituts für Wasserchemie und Chemische Balneologie an der TU München. Das Gerät erlaubt, unterschiedliche Plastikpartikel bis zu einer Größe von wenigen Mikrometern aus Proben zu extrahieren. Dann wird das organische Material über ein enzymatisches Verfahren entfernt. Was übrig bleibt, wird mithilfe unterschiedlicher spektroskopischer Methoden identifiziert und quantifiziert. Es wird also festgestellt, wie viel und welches Mikroplastik sich im Wasser und Uferbereich befindet.

„Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wählen an Rhein, Neckar und Bodensee zwanzig unterschiedliche Probeentnahmestellen aus. Hierbei wird darauf geachtet, dass diese die unterschiedlichen Eintragspfade gut abbilden. Die Probeentnahmestellen liegen in der Nähe von Kläranlagen, an Gewässern mit verschiedenen Abwasseranteilen und unterschiedlich großen Einzugsgebieten“, so Barth. Die Präsidentin der LUBW rechnet mit der Veröffentlichung der Ergebnisse im Herbst 2015.

Quelle: LUBW Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg