ISTE: Engpässe an Deponieraum führen zu Kostensteigerungen und Mülltourismus

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Bauschuttdeponie (Foto: © Jochen Zellner, Lk Neustadt/Aisch-Bad Windsheim / abfallbild.de)

Ostfildern — Rund 30 Bauunternehmer und Mitarbeiter von Abbruchfirmen demonstrierten am vergangenen Mittwoch vor dem Böblinger Landratsamt gegen die fehlenden Deponiekapazitäten im Landkreis. Der Industrieverband Steine und Erden Baden-Württemberg e.V. (ISTE) mit Sitz in Ostfildern bestätigt, dass es nicht nur im Landkreis Böblingen, sondern insbesondere in der Nähe von Ballungsräumen landesweit einen Engpass bei der Entsorgung von mineralischen Abfällen gibt, die unter anderem beim Aushub von Baugruben für Infrastrukturmaßnahmen oder Hochbaumaßnahmen entstehen.

Verbandsangaben zufolge wird sich die Situation mit Blick auf die Zukunft weiter verschärfen. Die damit einhergehenden Kostensteigerungen, die durch lange Transportwege entstehen, gehen nach Verbandsangaben zu Lasten privater und öffentlicher Bauherren.

Entsorgung oft über weite Wegstrecken

Auch wenn Baden-Württemberg Statistiken zufolge bundesweit auf Platz eins bei den Deponierestkapazitäten  rangiert, entspricht dieses Bild lokal betrachtet oftmals nicht der Realität. Nicht jeder Landkreis verfügt über eine Deponie, auf der sich nicht recyclebarer Bauschutt entsorgen lässt. Deshalb müssen mineralische Abfälle für eine Entsorgung oft über weite Wegstrecken sogar bis nach Frankreich transportiert werden, wie ISTE-Hauptgeschäftsführer Thomas Beißwenger unter Berufung auf Praxisberichte seiner Verbandsmitglieder berichtet. Dieser Mülltourismus hat nicht nur negative Folgen für die CO2-Bilanz und damit für den Klimaschutz. Auch die volkswirtschaftlichen Kosten, die durch Staus entstehen, werden durch diese Praxis weiter erhöht.

Steigerung von Entsorgungsgebühren und Transportkosten

Die Steigerung von Entsorgungsgebühren, wie sie der Landkreis Böblingen für 2014 auf seiner Deponie in Ehingen vorsieht, sind – landesweit betrachtet – kein neues Phänomen.  „In den vergangenen Jahren haben sich die Entsorgungskosten auf den Deponien im Land vervielfacht, wie zahlreiche Mitgliedsunternehmen immer wieder berichten“, so Beißwenger. Das hat Folgen für private und öffentliche Bauherren. Sie müssen am Ende nicht nur die Preissteigerungen tragen, die sich aus höheren Entsorgungsgebühren ergeben, sondern auch aus höheren Kraftstoffpreisen, die insbesondere bei Transporten über weite Distanzen, die finanziellen Belastungen bei Bauvorhaben zusätzlich in die Höhe treiben.

Damit stellt sich zunehmend die Frage, ob private Häuslebauer künftig noch in der Lage sind,  in den Bau eines Eigenheims oder dessen Sanierung zu investieren. Die Frage ist auch mit Blick auf die öffentliche Hand berechtigt, die nicht nur Neubauten und Sanierungen finanziell stemmen muss, sondern auch die kommunale Daseinsvorsorge. Zahlreiche Unternehmessvertreter sehen damit nach Ansicht von Thomas Beißwenger zu Recht ihre Existenz gefährdet.

Deponieraum wird knapper

Neueste Statistiken für Baden-Württemberg zeigen, dass im Jahr 2012 das Aufkommen von Bau- und Abbruchabfällen nochmals um 20 Prozent gestiegen ist. In absoluten Zahlen ausgedrückt, fielen im Jahr 2012 18 Millionen Tonnen Steine und Erden an, die entsorgt oder in ehemaligen Steinbrüchen und Kiesgruben im Rahmen gesetzlich vorgeschriebener Renaturierungs- und Rekultivierungsmaßnahmen verfüllt wurden. Gegenüber 2011 bedeutet dies eine Steigerung um zwei Millionen Tonnen. „Rückgänge bei der Verfüllung aufgrund von Engpässen oder gesetzlichen Änderungen können sehr rasch und drastisch zu einem Einbruch der Deponielaufzeiten führen“, wie Thomas Beißwenger erklärt. „Das Abfallwirtschaftskonzept des Landes ‚hängt deshalb am Tropf der Verfüllung‘ und die Verfüllkapazität von Deponien und ehemaligen Abbaustätten erschöpft sich allmählich.“ Damit schrumpfe der ohnehin schon knappe Deponieraum weiter und verschärfe die Entsorgungsproblematik mit Blick auf die Zukunft.

Mineralische Abfallmengen steigen weiter

Hinzu kommt, dass der Erschließung von Neubaugebieten auf der grünen Wiese durch die Regionalplanung enge Grenzen gesetzt sind. Dadurch wird insbesondere in Ballungsräumen der Bau innerhalb des Bestandes und damit die bauliche Binnenentwicklung von Städten forciert. Das heißt, dass jahrzehntealte Gebäude, die sich innerhalb von Siedlungsgebieten befinden,  künftig verstärkt abgerissen werden mit der Folge, dass die Menge an Bauschutt, der unter anderem mit Teer, Asbest oder Faserzement belastet ist, auf Deponien entsorgt werden muss. „Als diese Häuser vor Jahrzehnten gebaut wurden, kamen Materialien zum Einsatz, die heute als gesundheitsschädigend eingestuft werden“, so Thomas Beißwenger. „Sie sind nicht recyclebar und müssen deshalb deponiert werden. Daher wird mit dem Bauen im Bestand auch der Anteil der zu entsorgenden mineralischen Abfallmengen künftig weiter steigen.“

Steigendes Bauschuttaufkommen von Straßen und Brücken

Denn auch die Verkehrsinfrastruktur ist sanierungsbedürftig, wie nicht zuletzt die Bodewig-Kommission vor einigen Wochen feststellte. Nicht nur im Bundesgebiet, sondern auch in Baden-Württemberg sind zahlreiche Straßen und Brücken dringend wieder instandzusetzen. Auch bei diesen Sanierungen fällt Bauschutt an, der nicht mehr in den Baustoffkreislauf zurückgeführt werden kann. Aus diesem Grund ist es dringend erforderlich, dass genügend Deponieraum zu ausgewogenen Kosten bereitsteht, wie der ISTE-Hauptgeschäftsführer betont. Nur so können Bauvorhaben wirtschaftlich sinnvoll und verantwortungsbewusst realisiert werden, wie Thomas Beißwenger feststellt.

Quelle: Industrieverband Steine und Erden Baden-Württemberg e.V. (ISTE)