EU-Kommission: CCS ist „Schlüssel-Technologie für fossile Stromerzeugung“

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Emissionen (Foto: ©Heinrich Lange / http://www.pixelio.de)

Berlin — „Wir wollten eigentlich mehr CCS-Projekte fördern“, resümierte Isaac Valero Ladron, Sprecher des EU-Klimakommissariates, nach Abschluss der Verhandlungen über das sogenannte White Rose Carbon Capture and Storage Project (recyclingportal.eu berichtete). Zwei Jahre zuvor hatte die EU-Kommission kein einziges förderfähiges CCS-Projekt in der EU gefunden. Für die Kommission ist CCS „vielleicht die einzige Möglichkeit zur Reduzierung der direkten Emissionen aus Industrieprozessen“ sowie eine mögliche „Schlüsseltechnologie für die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen“, wie sie in ihrem derzeit diskutierten Entwurf zur Energie- und Klimastrategie 2030 schreibt.

Die meisten Umweltverbände lehnen die Technologie ab. Greenpeace etwa sieht darin einen Vorwand zum Bau neuer Kohlekraftwerke.  Der BUND argumentiert, dass die Kosten zur Vermeidung von CO2 durch CCS höher seien als die durch den Zubau erneuerbarer Energien eingesparten Emissionen.

Klimagase der Atmosphäre entziehen

Während die Kommission CCS als Mittel zur CO2-armen fossilen Stromerzeugung sieht, diskutieren Wissenschaftler die Idee, die Technologie dafür einzusetzen, der Atmosphäre Klimagase wieder zu entziehen. Der britische Milliardär und Abenteurer Richard Branson, der mit dem Musik-, Mobilfunk- und Luftverkehrsunternehmen Virgin reich wurde, hat dazu 2007 die Virgin Earth Challenge ausgerufen und 25 Millionen Dollar Preisgeld ausgelobt für Technologien, die CO2 aus der Atmosphäre entfernen.

Mittlerweile gibt es elf Finalisten, ausgewählt von Branson selbst und einer Jury in der unter anderem der ehemalige amerikanische Vizepräsidenten Al Gore sitzt. Explizit ausgenommen von der Teilnahme sind Unternehmen, die durch Geoengineering die Umwelt der Erde großflächig ändern wollen, etwa indem das Algenwachstum in den Meeren angeregt wird, damit die Pflanzen CO2 binden.

CO2 direkt aus der Luft filtern

Zu den ausgewählten Ideen gehört beispielsweise die kanadische Firma Carbon Engineering, die  CO2 direkt aus der Luft filtern will – mit bereits vorhandenen Technologien. Das Geld für das Start-up kam übrigens unter anderem von Bill Gates, mit an Bord ist der Harvard-Professor David W. Keith. Bei dem System blasen Ventilatoren Luft durch ein Netzwerk aus Plastikröhren, über das eine mit Kaliumhydroxid getränkte Flüssigkeit strömt, die CO2 bindet. Wie viel das System am Ende kostet steht noch in den Sternen, mehr als einen Prototyp gibt es bisher nicht. Literaturstudien  gehen bei derartigen Verfahren von 20 bis 2.000 Dollar pro Tonne CO2 aus. Firmen wie Coaway haben ähnliche Ideen, sie wollen eine entsprechende Flüssigkeit im Inneren von Kühltürmen konventioneller Kraftwerke einsetzen.

Besonders weit ist ein anderer Finalist: Climeworks, eine Ausgründung der Schweizer Universität ETH Zürich. Die Technologie der Firma bindet das CO2 ebenfalls chemisch in einem Filter aus Zellulose. Der Prototyp schafft vier Kilo CO2 am Tag. Um das Klimagas abzusaugen, muss der Filter danach auf 95 Grad erhitzt werden und kann wiederverwendet werden. Audi will die Technologie einsetzen, um Methan für sein Erdgas-Auto e-tron zu produzieren. Dabei wird mit Ökostrom Wasser per Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Der Wasserstoff wird dann mit dem Kohlenstoff aus dem CO2 zu Methan umgewandelt.

CCS und BECCS

Allen Erfindungen ist Eines gemeinsam:  Um das Klimagas zu filtern, bedarf es wiederum Energie. Die größten Chancen für einen wirklichen Beitrag zum Klimaschutz sehen Forscher deshalb in der CCS-Technologie in Verbindung mit der Nutzung von Biomasse, kurz BECCS. Die Idee: Pflanzen binden Kohlendioxid automatisch während ihres Wachstums. Werden sie energetisch genutzt, etwa zum Heizen in Form von Holz, kann das CO2 abgeschieden und unter die Erde gepresst werden. Dadurch wird es unterm Strich der Atmosphäre entzogen. In einer Untersuchung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) heißt es: „Unsere Analyse unterstützt Ergebnisse, dass BECCS eine Schlüsseltechnologie sein kann, um den Klimawandel abzuschwächen.“ Dennoch sei die Technik nur eine Ergänzung, kein Ersatz für die traditionellen Ansätze, um den Klimawandel einzudämmen.

Option für die Zukunft?

Das direkte Filtern von CO2 aus der Luft sei dagegen, so schreibt das PIK, laut verschiedener Studien wahrscheinlich auch langfristig zu teuer. Größter Schwachpunkt wiederum bei BECCS: Um einen Effekt zu erzielen, müsse Bioenergie in großem Stil genutzt werden – was einen hohen Flächenverbrauch und Konkurrenz zum Nahrungsmittelanbau bedeutet.

Dennoch könnte BECCS noch wichtig werden. Der Weltklimarat IPCC schreibt in seinem jüngsten Sachstandsbericht: Ein Großteil der Szenarien, in denen sich die CO2-Konzentration der Atmosphäre auf erträgliche 430-480 ppm (parts per million, also CO2-äuqivalente Moleküle pro einer Million Bestandteile der Luft) einpendelt, seien „overshot-Szenarien“. Die Konzentration steigt also über diese Werte und muss wieder gesenkt werden. 450 ppm gilt noch als beherrschbar, weil sich das Klima dann im globalen Mittel wahrscheinlich nicht mehr als zwei Grad erwärmt. Demnach könnten Technologien zur Senkung der CO2-Konzentration der Atmosphäre auch aus Sicht des IPCC noch wichtig werden.

Quelle: Rat für Nachhaltige Entwicklung