Kampfansage an Einwegbecher: Der Stuttgarter Pfandbecher kommt

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Foto: Pixabay

Die Landeshauptstadt Stuttgart hat den Einweg-Coffee-to-go-Bechern den Kampf angesagt. Prof. Dr.-Ing. Bernd Rall von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Stuttgart hat ein Konzept vorgelegt, das den Aufbau und Betrieb eines Mehrwegbecher-Systems in einem sozialen, lokalen Ökosystem der Kreislaufwirtschaft in Stuttgart vorsieht. In Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Stuttgart soll nun ein Betreiber gefunden werden, der das Konzept umsetzt.

Rund 80.000 Coffee-to-go-Einwegbecher gehen jeden Tag in Stuttgart über die Ladentheken – und haben kurz darauf ausgedient. Die Mengen an Müll, die allein durch die Becher entstehen, sind kaum mehr zu bewältigen. Nicht nur beanspruchen die Einwegbecher viel Volumen in den öffentlichen Abfall-Sammelbehältern, die Becher sind durch die Beschichtung auf der Innenseite nicht recycelbar und somit Restmüll.

Das Konzept von Rall, Experte für Kreislaufwirtschaft und Logistik und Studiengangsleiter BWL Industrie an der DHBW Stuttgart, soll Abhilfe schaffen: Mehrfach verwendbare Becher werden dabei dezentral an vielen Kaffee-Ausgabestationen in Stuttgart verteilt. Kundinnen und Kunden zahlen beim Kaffeekauf ein Pfand, das sie bei Rückgabe des Bechers zurückerhalten. Dabei kommen Rücknahmeautomaten zum Einsatz, die vorwiegend dort platziert werden, wo bisher viele Einwegbecher entsorgt werden, zum Beispiel an Bahnhöfen, Bushaltestellen, Hochschulen und Geschäftszentren.

Zentral organisierte Logistik, gemeinnütziges System  

Um die Big Player des Kaffeeausschanks, die mit zahlreichen Filialen in Bahnhöfen und Einkaufsmeilen vertreten sind, mit an Bord zu holen, lassen die Mehrwegbecher ein individuelles Branding zu. Die benutzten Kaffeebecher werden an den Rückgabestationen abgeholt, an einer zentralen Einrichtung gespült und – entsprechend des Brandings – sortiert und an die Ausgabestationen zurückverteilt. Die Logistik des Becherumlaufs wird zentral organisiert, insbesondere die Querverteilung der Becher zwischen den Stationen sowie der Pfandausgleich zwischen den Betrieben, die mehr beziehungsweise weniger Becher ausgeben als sie zurückbekommen. Wo möglich, sollen sozial Bedürftige bei den vielfältigen Logistiktätigkeiten integriert werden und elektrische Lastenfahrräder in der Innenstadt zum Einsatz kommen.

Rall ist vom Konzept überzeugt: „Der mobile Konsum von Speisen und Getränken ist keine vorübergehende Mode-Erscheinung, sondern Teil unserer modernen Gesellschaft und weltweit zu beobachten. Die umweltverträgliche Lösung dieses Problems wird bei den Stuttgarter Bürgern voraussichtlich hohe Akzeptanz erhalten – sofern die Gemeinnützigkeit des Systems transparent wird und die Nutzung komfortabel ist.“

Stuttgart steht nicht alleine da

Mit dem Wunsch, den Einwegbechern den Garaus zu machen, steht Stuttgart nicht alleine da. Es gibt bereits diverse Initiativen für Coffee-to-go Mehrwegbecher-Systeme in deutschen Städten, wie zum Beispiel Ludwigsburg, Tübingen, Freiburg, München, Berlin, Hamburg oder Köln.

Bei diesen Initiativen wird in der Regel ein universeller Becher mit einer eigenen, lokalen Identität verwendet. Dies ist für die Konsumenten und für kleine Cafes im Innenstadtbereich durchaus attraktiv, nicht jedoch für die großen Ketten von Kaffeeanbietern und für Berufstätige, die aus den Randbezirken der Metropolregion Stuttgart in die City pendeln und ihren Coffee-to-go mit Pkw oder ÖPNV (Öffentlicher Personennahverkehr) über viele Kilometer transportieren. Eine echte Alternative zum Einwegbecher sind diese Systeme also noch nicht.

Was andere Initiativen vernachlässigen

Genau an dieser Stelle setzt Rall mit seinem neuen Konzept an: „Alle mir bekannten Initiativen fokussieren sich auf den Becher und wollen auf dieser Basis einen eigenen Markenkern aufbauen – doch sie vernachlässigen das logistische Gesamtkonzept und insbesondere die Bedürfnisse der großen Ketten, für die ein Ausschank in Bechern mit fremdem Branding nicht infrage kommt. Sobald jedoch Becher mit firmenspezifischem Branding in den Kreislauf aufgenommen werden, müssen die Becher nicht nur gereinigt, sondern auch entsprechend des Brandings sortiert und an die zugehörigen Partner verteilt werden – klassische Logistiktätigkeiten also. Außerdem ist die Rücknahme der benutzten Becher für die Kaffeeanbieter ein ungeliebtes Thema, weil unhygienisch und personalaufwändig. Durch die Rücknahmeautomaten werden die Ausgabe- und Rückgabeprozesse zeitlich und räumlich entkoppelt und für alle Beteiligten komfortabel. Hat man für diese Funktionen eine effiziente Lösung etabliert, so wird das Kreislaufsystem skalierbar und kann auch größere Regionen abdecken.“

Beim „Runden Tisch Coffee-to-go-Becher“ hat Rall das Konzept auf Einladung von Oberbürgermeister Kuhn und der Wirtschaftsförderung Stuttgart vor Vertreterinnen und Vertretern von Stadtverwaltung, Bäckerinnung, Verkehrsbetriebe, Hotellerie und Gastronomie vorgestellt. Unter Führung der Wirtschaftsförderung der Stadt Stuttgart laufen derzeit Planungen zur Umsetzung des Konzepts im Rahmen der Initiative „sicheres und sauberes Stuttgart“ im Jahr 2018/2019.

Quelle: Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart