Auf „Destroy“-Kurs: Amazon-Retouren landen tonnenweise im Shredder

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Bücher, Geschirr und mehr: Secondhand-Läden leisten aktiven Beitrag zur Abfallvermeidung (Foto: Abfallwirtschaftsbetrieb Lk Haßberge / abfallbild.de)

Das berichtete das ZDF-Magazin „Frontal 21“ in der Sendung vom 12. Juni. Ob Smartphones, Laptops oder Tablets, Haushaltsgroßgeräte, Matratzen, Möbel, Kleidung und sogar Lebensmittel: Was der Kunde bestellt und dann doch nicht haben will und an den Onlinehändler zurückschickt, wird vernichtet.

Eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen, denn auch externe Anbieter entsorgen nach Recherchen von „Frontal 21“ und der „Wirtschaftswoche“ über Amazon unverkaufte, neuwertige und funktionstüchtige Produkte. Interne Artikellisten, Fotos und Aussagen von Mitarbeitern belegen die Angaben, dass in großem Umfang Waren aller Art in Shredder und Pressen landen. Das wird von den Mitarbeitern in den deutschen Logistiklagern geradezu verlangt – „Befehl und Ausführung“. Von einem „Destroy-Programm“ ist in den Interviews die Rede. So berichtete eine ehemalige Amazon-Mitarbeiterin in dem Beitrag, dass sie jeden Tag Waren im Wert von ungefähr 23.000 Euro vernichtet habe. Mehrere Beschäftigte bestätigten, dass Produkte ohne Ausnahme ihres Zustandes verschrottet und zerstört würden.

Mit Kalkül und steuerfrei

Der Onlinehändler bestreitet nicht die Vorwürfe, relativiert sie aber: Viele Artikel – so Amazon Sprecher Daniel Kälicke gegenüber t-online.de – würden über Amazon Warehouse und andere Kanäle (Aufkäufer von Restbeständen) weiterverkauft oder an gemeinnützige Organisationen und lokale Tafeln gespendet: Kleidung, Schuhe, Spielzeug, Drogerie-Artikel, Lebensmittel etc. Zahlen hierzu nennt der Konzern nicht. Jede Rücksendung an Amazon durchlaufe angeblich eine strenge Inspektion, werde qualitätsgeprüft und gegebenenfalls repariert und neu verpackt.

Wie der Beitrag zeigte, hat die Verschrottung/Vernichtung von Waren bei Amazon Kalkül und ist günstiger als Spenden: „Der Versandriese organisiert die Logistik auch für viele externe Händler“, fanden die Autoren Christian Esser, Birte Meier und Astrid Randerath heraus. „Wenn sich deren Ware nicht verkauft, kassiert Amazon hohe Gebühren – bis zu 1.000 Euro pro Kubikmeter Lagerfläche.“ Gespendete Waren müsste Amazon als Unternehmen versteuern. Die Entsorgung hingegen ist steuerfrei!

Deutschland ist Weltmeister im „Artikel-zur-Ansicht-Kaufen“

Zahlt Amazon eigentlich Umsatzsteuer in Deutschland? Gute Frage! In der Sendung kam dann auch Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth zu Wort, der Amazon aufforderte, die Vorwürfe aufzuklären. Der frühere Bundesumweltminister Prof. Klaus Töpfer kritisierte das Vernichten von neuwertigen und funktionstüchtigen Gebrauchsgütern als „unverantwortliche Ressourcenverschwendung“. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace sprach sich in diesem Zusammenhang für ein gesetzliches Verschwendungs- und Vernichtungsverbot aus.

Die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) bezeichnet die Kritik an Amazon als „heuchlerisch“: „Wer massenhaft Ware zurückschickt, trägt Mitschuld, wenn massenhaft zerstört wird.“ Tatsächlich ging der Frontal 21-Beitrag nicht auf das Verbraucherverhalten ein: Deutschland ist Weltmeister im „Artikel-zur-Ansicht-Kaufen“. Die Universität Bamberg schätzte schon 2012 die Zahl der Rücksendungen auf 250 Millionen. In den Jahren danach ist der Onlinehandel nochmal sprunghaft angestiegen. Die hohe Zahl der Retouren stellt sich als generelles Problem für Onlinehändler dar, wenn Artikel beschädigt zurückkommen – was nicht selten vorkommt – und Gebrauchsspuren aufweisen. „Die Händler müssen endlich Geld für Retouren verlangen – und notfalls dazu gezwungen werden“, meint Catherine Hoffmann in ihrem SZ-Kommentar.

M. S.