4. Polymerkongress: Digitaler Wandel benötigt neue Geschäftsmodelle

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Professor Georg Steinbichler: Die Möglichkeiten zur Prozessoptimierung für Kunststoffverarbeiter sind in der Praxis noch lange nicht ausgereizt. (Foto: Kunststoff-Cluster)

Linz, Österreich — Integrierte Kreislaufwirtschaft, Digitalisierung und Biokunststoffe: Diese Themen standen u.a. am 5. und 6. Dezember 2017 beim 4. Internationalen Polymerkongress im Bildungshaus Schloss Puchberg im Zentrum zahlreicher Vorträge und Diskussionen. Über 200 Teilnehmer holten sich Fach-Input für ihr Unternehmen und tauschten sich mit Branchenkollegen bei dem heurigen Veranstaltungs-Highlight des Kunststoff-Clusters aus.

Europa sei zwar nur für 2 Prozent der Meeresverschmutzung verantwortlich, habe aber das technische Know-how, um Lösungen für dieses Problem zu liefern, betonte Christian Altmann von der Business Upper Austria, der für Recyclingtechnologie aus Österreich eine große Chance sieht. Das Thema Kreislaufwirtschaft werde massiv an Bedeutung gewinnen werde, darin waren sich die Branchenkenner einig, wenngleich es für den Einsatz von Recyclingware, v.a. von Haushaltsabfällen, noch zahlreiche Hemmnisse gäbe. Diese zu beseitigen, ist eines der Hauptanliegen des neuen Beiratssprechers des Kunststoff-Cluster, der am Kongress offiziell sein Amt übernahm. Manfred Hackl, der CEO der Erema Gruppe, will in Zusammenarbeit mit der Landes-Abfallunternehmen (LAVU) und weiteren oberösterreichischen Leitbetrieben entlang der Kunststoff-Wertschöpfungskette zeigen, wie Kreislaufwirtschaft funktionieren kann.

Kreislaufwirtschaft nur gemeinsam umsetzen

Als Start für die „Initiative Kreislaufwirtschaft“ der Kunststoff-Branche wurde am Polymerkongress der Mehrweg-Sammeleimer „Öli“ aus Altkunststoff der LAVU als 100ige Recyclinglösung präsentiert. „Der Kunststoffkübel steht für firmenübergreifende Zusammenarbeit und entsprechende Technologiekompetenz, um Kreislaufwirtschaft zu realisieren“, erklärte KC-Manager Wolfgang Bohmayr. „Bis dato konnten die Anforderungen, die an den ‚Öli‘ gestellt wurden, nur durch Neuware gelöst werden.“ Nach Ansicht von Manfred Hackl könne nur gemeinsam durch konkrete Umsetzungen gezeigt werden, dass Kreislaufwirtschaft möglich ist: „Dazu ist der Kunststoffstandort Österreich bestens aufgestellt. Wir haben alle Kompetenzen auf engstem Raum und können beim Lösen mit Technologiekompetenz aus Österreich unterstützen.“

Als bedrückend, wie in der Bevölkerung Kunststoffe wahrgenommen werden, empfand es der Leobener Universitätsprofessor Clemens Holzer, der auch überzeugt ist, dass es möglich sei, Qualitätsprodukte aus Recyclingware mit ökologischen und ökonomischen Vorteilen herzustellen. Sein Wunsch: Die öffentliche Hand solle vermehrt eine Vorreiterrolle übernehmen und auf Recyclingprodukte umsteigen.

Halbwissen über Biokunststoffe

Weniger mit Imageproblemen in der Bevölkerung, mehr mit Halbwissen haben Biokunststoffe zu kämpfen, ist Stefan Laske von der IM Polymer GmbH überzeugt. Biokunststoff seien per se nicht ökologischer als herkömmliche Kunststoffe und können diese auch nicht generell ersetzen, erklärte der Spezialist für Biokunststoffe. Sie seien aber deutlich mehr als ein reines „Marketinginstrument und helfen Ressourcen zu sparen“. Sie benötigen spezielles Know-how, sei es in der Verarbeitung oder im Einsatzzweck. Wenn schon die bestimmungsgemäße Verwendung eines Kunststoffteils die Verrottung in Gang setzen würde, könne er für seine Kunden auch keinen gewünschten bioabbaubaren Kunststoff empfehlen, erzählte Laske. Und: Biokunststoffe seien zwar kompostierbar, würden aber in vielen Kompostieranlage herausgefiltert und verbrannt, denn der Kompostierer erkenne nicht, ob Bio- oder herkömmliches Plastik, so Laske über eine weitere für ihn fragliche Situation.

Neue Geschäftsmodelle notwendig

Dass die digitale Vernetzung längst Einzug in den Werkzeug- und Formenbau gehalten hat ist für Michael Salmen von der RWTH Aachen unbestritten. Effektivitätssteigerungen seien durch Integration in die Kundenprozesse möglich. „Warum sollte aber ein Kunststoffverarbeiter seine Daten erfassen und an den Werkzeuglieferanten liefern? Für ihn ist klar, dass dies künftig nur über neue Geschäftsmodelle, bei denen der Verarbeiter auch von der Datenverarbeitung profitiere zu bewerkstelligen sei, etwa durch Verkauf einer „Werkzeugs mit einer Produktivitätssteigerung“ statt des Verkaufs eines „Nur-Werkzeugs“.

Neue Geschäftsmodelle sind auch für JKU-Professor Georg Steinbichler, gleichzeitig Forschungsleiter beim Maschinenbauer ENGEL, notwendig. Er sieht auch einen notwendigen Wandel bei den Verarbeitern. Denn, wenngleich modernste Maschinen, Anlagen- und Werkzeugtechnik vorhanden seien, erfolge die Einstellung und Prozessoptimierung noch vielfach durch „Probieren“.

Quelle: Kunststoff-Cluster