Nürnberg setzt künftig auf Recyclingbaustoffe im Straßenbau

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Strassenbau-Arbeiten (Foto: © H.D.Volz / http://www.pixelio.de)

München — Resultierend aus einem erfolgreich verlaufenen Pilotprojekt, soll künftig der Einsatz von Recyclingbaustoffen für den Straßenbau grundsätzlich möglich sein. In einem Interview erläutert der Technische Werkleiter Marco Daume die Entscheidung des Servicebetriebs Öffentlicher Raum Nürnberg (SÖR).

Die Stadt Nürnberg hat in der Vergangenheit keinen Recyclingbaustoff eingesetzt und in Ausschreibungen wurde dieser auch explizit ausgeschlossen. Trotzdem führte der SÖR ein Pilotprojekt im Nürnberger Hafen durch. Warum?

Marco Daume: Nun ist Nürnberg bekanntermaßen die zweitgrößte Stadt in Bayern und hat im Hafenindustriegebiet schlagkräftige Recyclingunternehmen, die auch ein wirtschaftliches Interesse haben, ihre gewonnenen Rohstoffe wieder in Umlauf zu bringen. Hier wurde in den vergangenen Jahren zusammen mit dem Baustoff Recycling Verband Bayern umfangreiche Aufklärungs- und Lobbyarbeit durchgeführt. Um dem durchaus richtigen Ansatz der Wiederaufbereitung und Wiederverwertung von Baustoffen im Sinne der natürlichen Ressourcenschonung und der Vorbildfunktion der öffentlichen Hand gerecht zu werden, haben wir uns Anfang 2015 dazu entschlossen, mit einer Pilotmaßnahme eigene Erfahrungen beim Einsatz von Recyclingbaustoffen im Straßenbau zu machen.

Welche positiven Erfahrungen konnten gewonnen werden?

Marco Daume: Für den Einsatz von Recyclingmaterial im Bereich der Frostschutzschicht kann positiv bilanziert werden, dass im Rahmen der Auftragserfüllung alle Nachweise zur Eignung des RC-Materials vorgelegt wurden; ebenso alle notwendigen Lieferscheine sowie Mess- und Prüfprotokolle. Zudem entsprachen Einbaugeschwindigkeit und Handling im Wesentlichen dem Einbau mit natürlichen Baustoffen. Auch die Qualität des Straßenbauergebnisses kann als gleichwertig bezeichnet werden. Auch nach zwei zurückliegenden Wintern sind bislang – trotz stetiger Schwerverkehrsbelastung im Nürnberger Hafengebiet – keine Fahrbahnschäden auf den Einsatz von Recyclingbaustoffen zurückzuführen.

Wo Licht ist, ist meist auch Schatten: Welche Probleme haben sich bei der Baumaßnahme ergeben?

Marco Daume: Ja, es gab auch Probleme während der Ausführung. Konkret handelte es sich hierbei um Verdichtungsprobleme beim eingebauten Recyclingmaterial. Die geforderten Tragfähigkeitswerte konnten in Teilabschnitten nicht erreicht werden. In gemeinsamer Abstimmung zwischen Stadt und ausführender Firma konnte anhand eines Probefeldes nachgewiesen werden, dass hier zunächst ein falsches Verdichtungsverfahren angewandt wurde. Statt mit einer Walzenverdichtung haben die Versuche gezeigt, dass die geforderten Verdichtungswerte von 120 MN/m² auf der Frostschutzschicht nur mit einer Plattenverdichtung erreichbar waren. Nach entsprechender Verfahrensumstellung konnten dann alle geforderten Verdichtungswerte erreicht werden.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für künftige Baumaßnahmen?

Marco Daume: Die zu erzielende Tragfähigkeit hängt entscheidend vom Verdichtungsverfahren ab. Insofern ist in Abhängigkeit des verwendeten Materials gleich zu Beginn der Maßnahme – am besten anhand eines Probefeldes – zu klären, welches Verdichtungsverfahren zur Anwendung kommen muss, damit die Vorgabewerte eingehalten werden können. Wir vermuten, dass sich noch deutlich bessere Ergebnisse der Tragfähigkeit mit der Verwendung von Recyclingschotter erzielen lassen. Wir werden es ausprobieren.

Welche Voraussetzungen müssen denn erfüllt sein, damit Recyclingbaustoffe bei künftigen Straßenbauprojekten in Nürnberg eingesetzt werden dürfen?

Marco Daume: Für uns ist der Einsatz von RC-Baustoffen als Standardbauweise – neben den natürlichen Baustoffen – im Straßenbau gut vorstellbar. Wir bleiben am Ball und haben daher für unsere Mitarbeiter/Innen aktuell einen eigenen Handlungsleitfaden zur sicheren Prüfungsanwendung erarbeitet. Liegen danach die Voraussetzungen des Einsatzes von Recyclingbaustoffen vor, werden wir deren Einsatz bei investiven Straßenbaumaßnahmen durch neutrale Ausschreibungsvorgaben entsprechend zulassen. Dann ist es letztlich dem Bietermarkt überlassen, ob RC-Baustoffe als wirtschaftlichste Angebote zur Anwendung kommen werden.

Wie ist ihre Prognose? Wie hoch ist der Anteil von Recyclingbaustoffen im Vergleich zu Naturbaustoffen in 10 Jahren?

Marco Daume: Prognosen sind hierbei sicher schwierig. Ich wünsche mir, dass der Anteil der gut verwertbaren Recyclingbaustoffe in den nächsten Jahren stetig steigt und somit ein nachhaltiger Verwertungskreislauf entsteht. Es würde noch mehr Akzeptanz und mehr Handlungssicherheit schaffen, wenn die Mantelverordnung, die unter anderem die rechtmäßige Anwendung von RC-Baustoffen unter ganzheitlicher Berücksichtigung des Wasser-, Boden- und Umweltschutzes sowie Abfallrechtes regelt, endgültig verabschiedet wird. Wir in Nürnberg werden unseren Beitrag dazu leisten, dass der Anteil an Recyclingbaustoffen weiter steigt. Nur so lassen sich die knappen und wertvollen natürlichen Ressourcen schonen. Dies sind wir unseren Kindern und nachfolgenden Generationen schuldig.