Seit 1900: Materialbestände in Gebäuden und Infrastruktur um das 23-fache gestiegen

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Baustelle (Foto: Alexas_Fotos / Pixabay)

Klagenfurt –- Ein Forscherteam unter der Leitung von Wissenschaftlern des Instituts für Soziale Ökologie hat erstmals eine Schätzung darüber vorgelegt, wie viele natürliche Ressourcen in Gebäuden und Infrastrukturen gebunden sind. Demnach sind die globalen gesellschaftlichen Materialbestände von 1900 bis 2010 um das 23-fache gestiegen, mit langfristigen Auswirkungen für Kreislaufschließung und Emissionen.

„Das 20. Jahrhundert wird oft durch das Aufkommen der Wegwerfgesellschaft charakterisiert. Wir meinen, dass es paradoxerweise besser als das Jahrhundert der Akkumulation beschrieben werden könnte“, erklärt Studienleiter Fridolin Krausmann. Er hat gemeinsam mit einem Team Ausmaß, Dynamiken und Effekte der Nutzung von Ressourcen wie Stahl, Kupfer, Aluminium, Bauholz, Beton, Sand oder Schotter für Bestände wie Gebäude, Infrastruktur und Maschinen berechnet.

Die ForscherInnen zeigen, dass die gesellschaftlichen Materialbestände und ihr Wachstum eine essenzielle, aber unterschätzte Rolle für eine nachhaltigere Ressourcennutzung spielen. Diese bestimmen nämlich langfristig Energiebedarf und Emissionen sowie Abfallaufkommen und Recycling-Potentiale. Um diese Effekte zu quantifizieren, haben die Forscher ein dynamisches Modell globaler Materialflüsse und Bestände entwickelt.

Die Ergebnisse der Studie sind eindrucksvoll: „Wir konnten zeigen, dass mittlerweile die Hälfte aller jährlich global entnommenen Materialien für den Bau oder die Erneuerung dieser Bestände benutzt wird“, erklärt Dominik Wiedenhofer. Von 1900 bis 2010 hat der Wert der globalen Materialbestände um das 23-fache auf mittlerweile 800 Milliarden Tonnen, zwei Drittel davon in den Industrieländern.

Fridolin Krausmann führt weiter aus: „Obwohl es intensive Bemühungen gibt, Kreisläufe zu schließen und somit Recycling-Raten zu verbessern, sind diese noch sehr gering: Nur 12 Prozent der in die Bestände fließenden Materialien stammen aus Recycling. Das liegt auch daran, dass derzeit viermal mehr Material in die Bestände investiert wird, als auf der Abfallseite wieder herauskommt.“ Doch das Recycling-Potential wird größer: Die Bestände altern und allein in den nächsten 20 Jahren könnten 270 Mrd. Tonnen an Abbruchmaterial anfallen. Das ist so viel wie in den gesamten hundert Jahren davor. Dieses Material muss entweder mit hohen Kosten entsorgt oder durch Recycling wieder in Wert gesetzt werden.

Insgesamt werden die globalen Materialbestände aber weiter wachsen. Während die Dynamik in den Industrieländern an Schwung verloren hat, holen die Schwellenländern, allen voran China, rasant auf. „Wenn wir global auf das Niveau der Industrieländer zusteuern, würde dies zu einer weiteren Vervierfachung der Bestände führen“, erklärt Dominik Wiedenhofer. Das braucht nicht nur enorme Materialmengen, die Folge wäre auch eine massive Zunahme der CO2-Emissionen und somit eine Gefährdung der Klimaziele von Paris.

Für eine nachhaltigere Ressourcennutzung brauche es also eine Entkoppelung von Wirtschafts- und Infrastrukturwachstum: Durch intensivere Nutzung bestehender Infrastrukturen und Gebäude, längere Nutzungszeiten, effizienteres Design und bestmögliche Kreislaufschließung.

Die Forschungsergebnisse wurden unter Krausmann, F., Wiedenhofer, D., Lauk, C., Haas, W., Tanikawa, H., Fishman, T., Miatto, A., Schandl, H. & Haberl, H. (2017). Global socioeconomic material stocks rise 23-fold over the 20th century and require half of annual resource use. PNAS, pnas.org veröffentlicht.

Quelle: Alpen-Adria-Universität Klagenfurt