PharmCycle-Projekt: Entsorgung von Arzneimitteln ist noch zu unsachgemäß

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Tabletten (Foto: ©I-vista /http://www.pixelio.de)

Hamburg — Die Arzneimittelbelastung in Gewässern zu reduzieren – das ist das Ziel des interdisziplinären Forschungsprojekt PharmCycle an der HAW Hamburg. Forscherinnen und Forscher aus drei Departments arbeiten in Kooperation mit der Leuphana Universität Lüneburg an Lösungen. Mit einer Summe von 300.000 Euro gefördert, läuft das Projekt bis zum Jahr 2019.

Ein Großteil der verordneten Wirkstoffe in Medikamenten übersteht den menschlichen Körper unbeschadet. Sie landen in den Gewässern und werden zu Schadstoffen. Diese Gewässerbelastung durch Arzneimittel ist Ausgangspunkt für das Projekt PharmCycle an der HAW Hamburg. Die Perspektiven der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen des Projektes fasste am 3. November 2016 erstmals ein Symposium zusammen, das die Leiterin von PharmCycle, Prof. Dr. Carolin Floeter vom Department Umwelttechnik an der Fakultät Life Sciences, organisierte. Das interdisziplinäre Projekt PharmCycle setzt dabei an vier Stellen an: Bei der Zulassung von Arzneimitteln, bei der Reinigung des Abwassers, bei der Herstellung von nachhaltigen Arzneimitteln und bei den rechtlichen Rahmenbedingungen.

Nur 30 Prozent würden mehr bezahlen

Neben anderen Faktoren könnten neue Reinigungsverfahren in Kläranlagen Verbesserungen bringen. Doch: „Wären Sie grundsätzlich bereit, für die Beseitigung vorhandener Medikamentenreste im Abwasser eine höhere Abwassergebühr zu bezahlen?“ Mit dieser Frage begann Prof. Dr.-Ing. Jörn Einfeldt vom Department Umwelttechnik an der HAW Hamburg die Vorstellung seines Teilprojektes bei PharmCycle. Gemeint ist die verfahrenstechnische Optimierung von Kläranlagen.

Im Gegensatz zu den Teilnehmern des Symposiums, die diese Frage nahezu einstimmig mit „Ja“ beantworteten, zeigten Umfragen, dass nur knapp über 30 Prozent der Befragten bereit wären, mehr zu bezahlen. Ein Grund dafür, so Prof. Einfeldt, sei der weit verbreitete Glaube, dass vor allem die Abwässer der Pharmaindustrie für die Rückstände in Gewässern verantwortlich seien. Vom Körper nicht verarbeitete und ausgeschiedene Medikamente machten hingegen nur wenige Befragte verantwortlich. Tatsächlich sei aber genau das Gegenteil der Fall.

Anlagen um vierte Reinigungsstufe erweitern

Ein Ansatzpunkt bei der Verringerung des Eintrages ist die Modifikation der Kläranlagen, die der Umwelttechniker Einfeldt gemeinsam mit seinem Kollegen Prof. Dr.-Ing. Falk Beyer, Leiter des Departments Verfahrenstechnik an der Fakultät Life Sciences, und Doktorand Jan Demmer analysieren und optimieren will. Die Erweiterung der Anlagen um eine vierte Reinigungsstufe erfordere aus verschiedenen Gründen besondere Vorsicht: Eine solche Reinigungsstufe müsse ein möglichst breites Spektrum an Stoffen abdecken, gleichzeitig dürfen dabei keine giftigen Abbauprodukte oder chemische Wechselwirkungen entstehen. Außerdem müsse die Reinigungsstufe wirtschaftlich umsetzbar sein und ohne großen Aufwand in bestehende Anlagen integriert werden können. Ziel dieses Teilprojektes ist es somit, verschiedene Verfahren zu erproben und zu bewerten. Die zu erwartenden Mehrkosten einer solchen Reinigungsstufe pro Person und Monat lägen schätzungsweise zwischen 20 Cent und 1,30 Euro.

Allerdings – kritisiert Carolin Floeter – werde das Trinkwasser nach wie vor nicht auf Arzneimittelgehalte untersucht. Hinzu komme, dass eine Prüfung aller Stoffe unmöglich sei: 2.300 Wirkstoffe zählte das Umweltbundesamt im Jahr 2012; davon sind 1.200 Stoffe umweltrelevant und deshalb gewässertechnisch zu erforschen.

Unterschiedliche Maßnahmen kombinieren

Dauerhaft lasse sich eine Belastung nur dann minimieren, wenn die unterschiedlichen Maßnahmen und Ansätze miteinander kombiniert würden, fasst Dr. Arne Hein vom Umweltbundesamt aus Dessau das Symposium zusammen. Besonders weist er auf die unsachgemäße Entsorgung hin: 15 Prozent der Deutschen entsorgen ihre Medikamente über den Hausmüll, 47 Prozent entsorgen flüssige Medikamente in die Abwassersysteme. Zusätzlich gebe es Spielräume in der Arzneimittelzulassung und im Wasserrecht. Das Ziel des Projektes PharmCycle ist deshalb aus seiner Sicht richtig: eine fachübergreifende Zusammenarbeit für einen ressourcenschonenden Umgang im Interesse heutiger und zukünftiger Generationen.

Der vollständige Forschungsbericht kann unter haw-hamburg.de nachgelesen werden.

Autor: Moritz Heitmann

Quelle: Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg), Department Umwelttechnik