VDW-Vorsitzender Dr. Jan Klingele: „Wenn konsumiert wird, wird auch verpackt“

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Dr. Jan Klingele (Foto: Verband der Wellpappen-Industrie e.V. (VDW))

Darmstadt — Ein Absatzplus bei steigenden Kosten meldete die Wellpappen-Industrie auf ihrer Jahrespressekonferenz vor einigen Tagen. In absoluten Zahlen gemessen hatten die Mitglieder des Verbandes der Wellpappen-Industrie 7,3 Milliarden Quadratmeter Wellpappe im im vergangenen Jahr abgesetzt. Das sind 120 Millionen Quadratmeter mehr als 2012 und entspricht – in nicht arbeitstäglicher Betrachtung – einer Steigerung von 1,7 Prozent. In einem Interview nahm Dr. Jan Klingele, Vorsitzender des Verbandes der Wellpappen-Industrie e.V. (VDW), zu den Jahreszahlen Stellung.

Dr. Klingele, wie beurteilen Sie die Geschäftsentwicklung in der Wellpappen-Industrie?
Die Nachfrage nach unseren Produkten ist weiter deutlich gestiegen. Arbeitstäglich bereinigt konnten wir im Jahr 2013 ein Absatzplus von 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnen, was über dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum liegt. Allerdings war die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland im vergangenen Jahr mit plus 0,4 Prozent auch alles andere als dynamisch. Alle Indikatoren wie die Prognose des Sachverständigenrates deuten aktuell darauf hin, dass die Konjunkturlokomotive im laufenden Jahr an Fahrt gewinnt. Wir sind sicherlich nicht übertrieben optimistisch wenn wir von weiterem Wachstum in der Größenordnung von 1,8 Prozent ausgehen – zumal die ersten Monate 2014 den moderaten Aufwärtstrend bestätigen. Insgesamt decken sich damit die Erwartungen unserer Unternehmen mit dem vom ifo-Institut ermittelten freundlichen Geschäftsklima.

Welche Bereiche sind Wachstumstreiber?
Schaut man auf unsere Kundenstruktur, wird deutlich, dass ein großer Teil unserer Verpackungen in der Lieferkette des Einzelhandels zum Einsatz kommt. Allein Verpackungen für Nahrungs- und Genussmittel machen mit 35,9 Prozent über ein Drittel unserer Produktion aus – mit steigender Tendenz. Der private Verbrauch war schon im vergangenen Jahr eine Stütze der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und auch für 2014 stehen die Zeichen auf Konsum. Das wirkt sich direkt auf unseren Absatz aus, denn wenn konsumiert wird, wird auch verpackt.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Unternehmen?
Dem erfreulichen Nachfrageschub steht eine Ausweitung der Produktionskapazität in Deutschland gegenüber. Im  vergangenen Jahr sind drei neue Wellpappenanlagen in Betrieb gegangen, was den Wettbewerb in Deutschland intensiviert. Eine besondere Herausforderung ist die Kostenbelastung, mit der die Mitgliedsunternehmen umgehen müssen. Wellpappenrohpapier ist mit mehr als der Hälfte aller Ausgaben der größte Kostenblock. Im vergangenen Jahr haben unsere Unternehmen im Durchschnitt 7,7 Prozent mehr als 2012 für diesen Rohstoff bezahlen müssen. Ein Preisanstieg, den die Hersteller noch nicht vollständig weitergeben konnten. Laut Statistik ist der Durchschnittspreis für Wellpappe im vergangenen Jahr sogar leicht gefallen – und zwar von 53,7 auf 53,0 Cent pro Quadratmeter. Der Umsatz hat sich vor diesem Hintergrund auch nur wenig verändert, es wurde also deutlich mehr verkauft, aber kaum mehr eingenommen.

Wie gehen die Unternehmen mit den Herausforderungen um?
Was die zusätzlichen Kapazitäten anbelangt, bin ich der Meinung, dass der Markt die neu hinzugekommenen Wellpappenanlagen längerfristig gut verkraften kann. Die aktuelle Häufung an Investitionen dürfte sowohl auf das niedrige Zinsniveau, gewisse Nachholeffekte aber auch auf eine zufällige Ballung zurückzuführen sein. Letztendlich sind die neuen Anlagen ein klarer Beweis dafür, dass die Investoren von den guten Zukunftsperspektiven unserer Branche überzeugt sind. Daher bin ich ebenfalls zuversichtlich, dass die Unternehmen der Wellpappenbranche es in der Zukunft schaffen werden, die Herausforderungen der hoch volatilen  Papierpreise zu meistern und wieder ein auskömmliches Verhältnis von Ertrag und Kosten zu erzielen.

Welche Trends beschäftigen die Wellpappenhersteller?
Alle Marktteilnehmer, die in der Lieferkette Richtung Endverbraucher Leistungen anbieten, beschäftigen sich mit dem veränderten Einkaufsverhalten. Verbraucher kaufen Bekleidung, Bücher, Elektronik oder Gegenstände des täglichen Bedarfs vermehrt im Internet. Im Einzelhandel wird heute schon jeder zehnte Euro über diesen Weg erlöst – dieser Wert wird künftig weiter steigen. Das wirkt sich auf die Transportverpackung insoweit aus, als der Direktvertrieb kleinteiliger ist als das Beliefern zentraler Verkaufsstellen. Der Anteil an Wellpappenverpackungen pro Artikel ist also größer.

Gleichzeitig ist der Stellenwert der stationären Verkaufsstelle keineswegs in Frage gestellt. Der Trend geht dort einerseits zur verstärkten Inszenierung des Warenangebotes. Dazu können wir mit auffallenden und attraktiv gestalteten Displays beitragen. Andererseits streben viele Handelsunternehmen danach, die Abläufe in der Filiale zu optimieren. Auch dazu leisten wir Beiträge – etwa mit handelsgerechten Verpackungen, die die Lagerlogistik und das Bestücken der Regale mit Ware erleichtern.

Wie positioniert sich die Branche für die Zukunft?
Zu den größten Zukunftsaufgaben für alle Unternehmen zählt es, so zu wirtschaften, dass Ressourcen geschont und negative Klimatrends gestoppt werden. Eine Verpackung aus Wellpappe, die auf nachwachsenden Rohstoffen basiert und vollständig recycelt wird, kann einen spürbaren Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten.  Das wollen wir verstärkt auch in der Öffentlichkeit deutlich machen. Dazu ein Beispiel: Mit unserem Engagement in der Wirtschaftsinitiative „Forum Ökologisch Verpacken“ (FÖV) sehen wir eine viel versprechende Perspektive möglichst viele Wirtschaftsbereiche für den Vorteil solcher geschlossener Stoffkreisläufe zu interessieren.

Nach erfolgreichem Auftakt mit einer Konferenz in der Schweiz im November vergangenen Jahres wollen wir in diesem Jahr am 4. November 2014 bei GS1 in Köln einen weiteren Expertendialog anstoßen. Es geht um die Frage, welche Faktoren bei der ökologischen Bewertung von Mehrweg- und Kreislaufsystemen über- oder unterschätzt werden. Titel der Veranstaltung: „Vorteil Recycling – Führt Mehrweg in die Sackgasse?“

Das Interview mit Dr. Jan Klingele ist der neuesten Ausgabe des Wellpappe Reports (Ausgabe I/2014) entnommen.

Quelle: Verband der Wellpappen-Industrie e.V. (VDW)