Reststoffe und Rohstoffe: von Potenzialen und Risiken

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Partner und Preisträger des UMSICHT-Wissenschaftspreis 2016 (Foto: Fraunhofer UMSICHT/Ulla Emig)

Oberhausen — Die Preisträger des UMSICHT-Wissenschaftspreises 2016 stehen fest: Dr. Saskia Oldenburg gewann in der Kategorie Wissenschaft mit ihrer Arbeit zum Thema Reststoffverwertung, Alexander Stirn hat sich mit dem Thema Rohstoffe am Meeresboden beschäftigt und wurde in der Kategorie Journalismus ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand am 6. Juli im LVR-Industriemuseum Zinkfabrik Altenberg in Oberhausen mit gut 90 Gästen statt.

Der vom UMSICHT-Förderverein ausgeschriebene UMSICHT-Wissenschaftspreis zeichnete zum siebten Mal Menschen aus, die hervorragende industrie- und marktnahe Forschung leisten und solche, die über Forschung in den Medien verständlich berichten. Dadurch tragen sie zum Dialog von Wissenschaft und Gesellschaft in den Bereichen Umwelt-, Verfahrens- und Energietechnik bei. Der Preis ist mit 10 000 Euro in der Kategorie Wissenschaft und 2.500 Euro in der Kategorie Journalismus dotiert.

Die Jury, bestehend aus Wissenschaftlern, Unternehmern, Selbstständigen, Journalisten sowie PR-Fachleuten, hat dieses Jahr Dr. Saskia Oldenburg (Kategorie Wissenschaft) und Alexander Stirn (Kategorie Journalismus) mit dem UMSICHT-Wissenschaftspreis ausgezeichnet.

Preisträgerin Wissenschaft: Dr.-Ing. Saskia Oldenburg
Dr. Oldenburg erhielt den Preis für ihre Dissertation »Konzeptentwicklung für die Qualitätsbeurteilung von Substraten für die Biogasproduktion am Beispiel von bisher nicht energetisch genutzten organischen Reststoffströmen«.

Die umweltfreundliche Energieversorgung ist eine große Herausforderung. In diesem Rahmen stellt Biomasse eine der wichtigsten erneuerbaren Energiequellen dar. Derzeit werden Biogasanlagen vor allem mit nachwachsenden Rohstoffen wie Mais betrieben, der wertvolle Anbauflächen blockiert oder durch den Anbau in Monokulturen die Pflanzenwelt beeinträchtigen kann. Warum sollte in Zukunft nicht aus den Stoffen Energie gewonnen werden, die in großen Mengen kostengünstig anfallen und gleichzeitig kaum bis keiner Verwertung zugeführt werden? Im Rahmen ihrer Promotion hat Dr. Oldenburg geprüft, welche organischen Abfälle sich alternativ für die Biogasproduktion eignen. Sie fand heraus, dass 2,5 Tonnen Pferdemist bei der Energiegewinnung eine Tonne Mais ersetzen könnten. Auch Rasenschnitt und Küchenabfälle kommen für den Prozess in Frage. Durch den Einsatz von Reststoffen blieben die Vorteile umweltfreundlicher Energieproduktion bestehen, gleichzeitig fände eine Verwertung der bisher kaum genutzten Abfälle statt.

Es ist jedoch nicht möglich, in bestehenden Biogasanlagen nachwachsende Rohstoffe einfach durch Abfälle zu ersetzen, da diese in ihrer Zusammensetzung und ihrem Energiegehalt stark schwanken und Störstoffe enthalten können. Mit einem von Dr. Oldenburg entwickelten Modell lässt sich vorhersagen, wie hoch der Energiegehalt der Abfälle ist und welche Probleme auftreten könnten, wenn daraus Biogas gewonnen wird. Das Konzept ist auf verschiedene Arten von Reststoffströmen übertragbar, ohne dass umfangreiche kosten- und zeitintensive Analysen durchgeführt werden müssen. Die Forschungsarbeit mündete nicht nur in einem Konzept zur Qualitätsbewertung von organischen Abfällen, sondern auch in der Gründung des Start-Ups Goldapfel GbR, das die Energiegewinnung aus Pferdemist praktisch erprobt.

»Meine Forschung behandelt eine der größten Herausforderungen, vor welcher die Menschheit derzeit steht: die umweltfreundliche Energieversorgung der Zukunft«, sagt Dr. Oldenburg. »Ein Teil der endlichen fossilen Energieträger kann zukünftig durch Abfälle ersetzt werden – und die energetische Nutzung von Abfällen anstatt der kostenintensiven Entsorgung bietet der Gesellschaft wirtschaftliche und klimarelevante Vorteile.«

Dr. Oldenburg (31) studierte Energie- und Umwelttechnik an der Technischen Universität Hamburg, wo sie anschließend ihre Promotion abschloss. Derzeit arbeitet sie in der Industrieberatung Umwelt GmbH und Co. KG als Projektingenieurin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Analyse und Optimierung von verfahrenstechnischen Anlagen (Biogas, Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie) sowie Abfallmanagement und -bilanzierung, Explosionsschutz, förmliche Genehmigungsverfahren und Behördenengineering. Die Ingenieurin ist Abfallbeauftragte und wird ab Januar 2017 zusätzlich als Gerichtssachverständige für Biogas und Abfallmanagement in einem einjährigen Fernstudium zertifiziert.

Preisträger Journalismus: Alexander Stirn
Unter der Meeresoberfläche hat sich eine neue Welt des Unterwasserbergbaus ausgebreitet. Die Folgen und Kosten dieser Entwicklung beschreibt der Journalist Alexander Stirn in seinem Artikel »Goldgrund«, veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung, Ausgabe vom 2./3. Mai 2015, für den er mit dem UMSICHT-Wissenschaftspreis ausgezeichnet wurde.

Beim maritimen Bergbau steht die Gewinnung von Gold, Kupfer oder seltenen Metallen wie Kobalt im Vordergrund. Die weltweite Nachfrage nach diesen Rohstoffen ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen, weshalb sie in der Erdkruste immer seltener werden. Die Tiefsee bietet ein neues und bisher unangetastetes Rohstoffreservoir, das für viele Minengesellschaften von Interesse ist. Mit modernen Tiefseerobotern stellt der Zugang zum Meeresboden auch technisch ein machbares Unterfangen dar. Der Rohstoffabbau am Meeresgrund bringt jedoch nicht nur potenzielle wirtschaftliche Erträge mit sich: Forscher warnen, dass ein Eingriff in den Lebensraum am Meeresgrund fatale Folgen für das Ökosystem mit sich bringen könnte.

»Ohne Forschung kein Fortschritt«, lautet die Devise des Preisträgers Stirn. »Doch Wissenschaft und Forschung dürfen nicht zum Selbstzweck werden. Sie sind vielmehr eingebettet in gesellschaftliche Wünsche und Zwänge, in wirtschaftliche Erwartungen und ethische Grenzen. Sie müssen sich stets fragen, welchen potenziellen Nutzen aktuelle Forschungsarbeiten haben, welche Risiken daraus erwachsen könnten und welche Interessenskonflikte ins Spiel kommen.« Am Beispiel des maritimen Bergbaus ist Stirn die Beleuchtung eines aktuellen Spannungsfeldes in der Forschung geglückt, indem er Chancen und Probleme gleichermaßen aufzeigt.

Alexander Stirn (43) hat Physik an der Universität Würzburg und der University of Texas in Austin studiert und anschließend in Würzburg ein Studium der politischen Wissenschaft, Soziologie und Volkswirtschaftslehre absolviert. Stirn besuchte den 40. Jahrgang der Deutschen Journalistenschule in München, anschließend arbeitete er als Redakteur – unter anderem für Spiegel Online und Süddeutsche Zeitung WISSEN. Heute ist er als freier Wissenschafts- und Technikjournalist tätig. Der thematische Schwerpunkt seiner Arbeiten liegt in der Raumfahrt, darüber hinaus interessieren ihn die Auswirkungen neuer Technologien auf den Menschen sowie das Zusammenspiel von Innovationen und Gesellschaft.

Quelle: Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT