„Die Schweiz muss Lösungen finden, um die Abfallproduktion zu vermindern“

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Handys (Foto: Kroll / Recyclingportal)

Bern, Schweiz — Zum Tag der Umwelt vom 5. Juni 2016 publizierte das Schweizer Bundesamt für Umwelt (BAFU) den Bericht „Ent-Sorgen? – Abfall in der Schweiz illustriert“, einen Überblick über das Thema Abfall, Vermeidung und Entsorgung. Marc Chardonnens, Direktor des Bundesamts für Umwelt BAFU, erklärte im Interview, wo die Schweiz beim Abfall steht und welche Aufgaben noch zu lösen sind.

Das BAFU publiziert den Bericht „Ent-Sorgen“. Ein wichtiges Thema ist die Abfallvermeidung. Was soll das BAFU in diesem Bereich machen?

Wir haben zweifellos einen hohen Konsum, was sich insbesondere auch in einem hohen Abfallaufkommen widerspiegelt. „Nichts geht verloren, nichts wird erschaffen, alles wandelt sich“, sagte Lavoisier vor fast 250 Jahren. Heute muss die Schweiz diese schwierige Frage angehen: Wie lässt sich unsere Abfallproduktion vermindern? Bei der Abfallbehandlung haben wir viel gemacht, ebenso bei der Abfallverwertung, die bei den Siedlungsabfällen über 50 Prozent beträgt. Doch ist es uns in den letzten 30 Jahren nicht gelungen, die Abfallproduktion vom wirtschaftlichen Wachstum abzukoppeln. Die Vermeidung von Abfällen an der Quelle steckt noch in den Kinderschuhen.

Wie steht die Schweiz im Bereich Abfall im Vergleich mit dem Ausland da?

Bei Vergleichen mit dem Ausland ist Vorsicht geboten. Abfälle werden nicht von allen gleich erfasst. Die Qualität statistischer Erhebungen schwankt von einem Land zum andern. Einige Entsorgungswege werden zuweilen nicht einbezogen, beispielweise was organische Abfälle betrifft, die bei uns in zentrale Kompostier- und Vergärungsanlagen gelangen. Dennoch zeigt der zeitliche Vergleich der Abfallmengen in unserem Land, dass die Prävention und die Verminderung an der Quelle noch nicht wirken. Dies belegen die rund 700 Kilo Siedlungsabfälle, die pro Jahr und Kopf in der Schweiz produziert werden. Es ist eine Tatsache: Wir haben einen sehr hohen Konsum.

Welche grossen Herausforderungen stehen im Bereich Abfall noch an?

Wir müssen an der Quelle ansetzen können, die Ressourcen schonen und unseren Konsum mässigen. Ein kürzlich erschienener Presseartikel weist darauf hin, dass in der Schweiz etwa ein Drittel der Online-Käufe aus purer Langeweile getätigt werden. Unter solchen Umständen braucht es wenig, dass diese Güter ganz rasch zu Abfall werden. Ausserdem ist die programmierte Alterung einiger Produkte kein Hirngespinst und steht das Ökodesign erst am Anfang. Unsere Gesellschaften müssen sich trauen, nach dem Sinn des Konsums zu fragen.

Dabei sind traditionellere Aspekte der Abfallbewirtschaftung nicht zu vernachlässigen. Die Schweiz hat in der Abfallverwertung und  -entsorgung ein hohes Niveau erreicht. Dieses ist zu erhalten und in mancher Hinsicht zu verbessern. Ich denke hier an Bauabfälle, einige Plastikarten, Lebensmittelabfälle, Phosphor in Klärschlamm und Metalle wie Kupfer oder Zink in Verbrennungsrückständen – all dies könnte vermehrt genutzt werden. Auch das sind echte Herausforderungen, welche die Schweiz annehmen muss.

Was kann man dazu beitragen, um den Abfallberg der Schweiz zu verkleinern?

Zuerst muss ein Bewusstsein entstehen. In der Geschäftswelt ist Abfall oft ein Kostenfaktor, sodass die Verminderung der Abfallproduktion einer wirtschaftlichen Logik entspricht. Beim Individualkonsum dagegen sind die Einflussfaktoren diffuser. In der Schweiz sind die meisten Leute schnell bereit, sich am Recycling zu beteiligen. Denn es besteht ein breites, gutes Angebot, und die Verfahren haben sich eingespielt. Es liegt praktisch in unseren Genen und gehört zum „business as usual“. Eine Änderung des Konsumverhaltens ist jedoch viel schwieriger herbeizuführen. Letztendlich geht es um die Verantwortung jedes Einzelnen, die sich nicht per Dekret aufzwingen lässt.

Der Bericht „Ent-Sorgen? – Abfall in der Schweiz illustriert“ kann unter bafu.admin.ch heruntergeladen werden.

Bundesamt für Umwelt BAFU