„Inwastement“-Studie: Abfall kehrt irgendwann zu seinen Verursachern zurück

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Abfalleimer (Guenter-Hamich / http://www.pixelio.de)

München — „Wir produzieren Abfall nicht gezielt, sondern nebenbei. Im Gegensatz zur Investition wollen wir die Wege und Konsequenzen unserer Inwastements nicht verfolgen“, schreibt Jens Kersten in seinem soeben veröffentlichten Forschungsband „Inwastement. Abfall in Umwelt und Gesellschaft“. Unter „Inwastement“, also den Abfall, den Gesellschaften produzieren, versteht der Jurist Kersten den Gegensatz zum positiv besetzten „Investment“. Er werde weggeworfen und kehre doch irgendwann wieder zu seinen Verursachern zurück – Abfall lässt sich nicht so leicht loswerden, auch wenn er zunächst aus dem Blick gerät.

Der Forschungsband, den Jens Kersten als Lehrstuhlinhaber für Öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaften an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität jetzt veröffentlicht hat ist, geht auf ein interdisziplinäres Forschungsprojekt am Rachel Carson Center für Umwelt und Geschichte an der LMU und dem Center for Advanced Studies der LMU zurück. „Abfall geht uns alle an. Er berührt unsere individuelle Lebensführung und erfordert gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Wir dürfen das Inwastement in unserer Gesellschaft nicht ignorieren“, sagt Kersten. Die Autorinnen und Autoren des von ihm herausgegebenen Forschungsbands nähern sich dem Phänomen Müll, das den Menschen und seine Gesellschaft seit je begleitet, aus ihren unterschiedlichen fachlichen Perspektiven an.

Soraya Heuss-Aßbichler und Gerhard Rettenberger nehmen den Leser mit auf eine Reise in die vergangenen Jahrhunderte und zeigen, dass Gesellschaften zu jeder Zeit eine eigene Lösung für die Entsorgung ihrer Abfälle entwickelten. So können etwa schon im Paläolithikum erste Techniken des Recyclings nachgewiesen werden, die allerdings eher der Materialnot als dem Umweltgedanken geschuldet waren. Im Indusgebiet gab es zwischen 4500 und 2500 vor Christus schon „Müllschlucker“: Der Abfall landete vom ersten Stock in großen Tonbehältern, die hinter den Häusern standen und von den Straßen her ausgewechselt wurden.

Eveline Dürr, Professorin für Ethnologie an der LMU, widmet sich dem heute globalen Phänomen der Slums, in denen weltweit etwa eine Milliarde Menschen leben. Dürr verwendet den Begriff der „slumscapes“, um Slums auch als Lebenswelten beschreiben zu können. Heute sind Slums Ziel von Touristen, ein Phänomen, das die Ethnologin bis ins 19. Jahrhundert zurückführt. Sie unterscheidet dabei zwei Formen des Tourismus: den aufklärerischen, bei dem Touristen „mit ihrem eigenen Abfall und Konsumverhalten“ konfrontiert werden und dem „Erlebnistourismus“, der Armut zum Spektakel macht.

Jens Kersten schließlich untersucht in seinem Beitrag die „gesellschaftliche Diffusion der Verantwortung für Atommüll“, das „größte Inwastement“, das die Menschen interlassen werden – für mehrere hunderttausend Jahre. Seiner Ansicht nach „können wir uns bei unserem Inwastement sicher sein, dass es wieder auftauchen wird: bei uns selbst, beispielsweise in Form von Plastikpartikeln oder Schwermetallen, die sich über die Nahrungskette in unseren eigenen Körpern anreichern und ablagern; im Globalen Süden, in den wir beispielsweise unseren Elektroschrott und Krankenhaussondermüll verschieben; global, wenn das von uns produzierte CO2 das Klima verändert; oder bei künftigen Generationen oder der nichthumanen Nachwelt, denen wir unseren Atommüll der letzten fünfzig Jahre für die nächste eine Millionen Jahre hinterlassen.“

„Inwastement. Abfall in Umwelt und Gesellschaft“, hrsg. Jens Kersten, ist im Transcipt Verlag, Bielefeld, erschienen.

Quelle: Ludwig-Maximilians-Universität München