Inverto-Studie: Rohstoffmärkte könnten die deutsche Wirtschaft schwer belasten

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Bulle und Bär (Foto: © Cornerstone /http://www.pixelio.de)

Köln — Die von den Unternehmen erwartete Entwicklung der weltweiten Rohstoffmärkte könnte die deutsche Wirtschaft schwer belasten: Wie die jährliche Rohstoffstudie der Einkaufs- und Supply Chain Management-Beratung Inverto zeigt, rechnen 67 Prozent der befragten Teilnehmer mit Rohstoffpreiserhöhungen. Diese Situation wird durch die anhaltende Euroschwäche noch verschärft, die aktuell bereits zu Mehrausgaben im Einkauf führt. Die meisten Unternehmen reagieren bereits entsprechend. Doch nicht alle haben die Voraussetzungen geschaffen, um einer möglichen Rohstoff- Hausse begegnen zu können.

62 Prozent der Befragten gaben an, dass Rohstoffpreise einen großen Einfluss auf das eigene Geschäft haben; 60 Prozent sagten dasselbe über die Entwicklung von Wechselkursen. Beide Werte werden als einflussreicher eingeschätzt als die Einwirkung von konjunkturellen Unsicherheiten und erhöhtem Wettbewerb (48 bzw. 45 Prozent). Damit liegen Rohstoff- und Währungsrisiken auf den Spitzenplätzen der geschäftsrelevanten Außeneinflüsse.

Euroschwäche treibt Rohstoffpreise

Die Resultate spiegeln wider, wie sehr sich die Weltwirtschaft seit der letzten Befragung verändert hat: Die anhaltende Euroschwäche, aber auch vereinzelte Preisanstiege, etwa bei Kunststoffen oder Kakao, haben den bisherigen Optimismus vieler Einkäufer gedämpft. Während in der Vorjahresbefragung bereits die Mehrheit mit einer Steigerung der Rohstoffkosten rechnete, gehen derzeit 67 Prozent der Befragten von einem Anstieg der Rohstoffpreise aus (2014: 53 Prozent).

Ein Grund für diese Einschätzung ist in der derzeitigen Euroschwäche zu sehen: Der ungünstige Wechselkurs der Gemeinschaftswährung gegenüber dem US-Dollar verteuert die meist in Dollar zu begleichenden Rohstoffeinkäufe. Ein gutes Drittel der Beschaffungsfachleute erwartet zudem, dass dem Euro noch weitere Kursverluste bevorstehen.

Versorgungsengpässe bei Kunststoffen erwartet

Bezüglich der Versorgungslage äußerten sich die befragten Einkäufer überwiegend entspannt. Dennoch rechnen einige Studienteilnehmer mit nachfragebedingten Verknappungen bestimmter Güter. So rechnen 27 Prozent der befragten Einkäufer mit einer Verknappung des weltweiten Angebots von Kunststoffen. Weiterhin schwierig gestaltet sich nach Einschätzung der Befragungsteilnehmer auch die Beschaffung seltener Erden. Mit 22 Prozent der Einkäufer rechnen zwar weniger als im Vorjahr (30 Prozent) mit Engpässen, da das Hauptexportland China mit dem Abbau von Ausfuhrbeschränkungen begonnen hat. Dennoch sehen vor allem Maschinen- und Anlagenbauer weiterhin eine Gefahr von Versorgungsengpässen.

Mit Problemen bei der Versorgung mit Chemikalien rechnen dagegen nur 14 Prozent der Befragten; noch weniger erwarten Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Eisenmetallen und Stahl (10 Prozent), Holz, Papier und Zellulose (9 Prozent), Edelmetallen (6 Prozent) oder Weizen (7 Prozent).

Rohstoffeinkäufer nicht immer gut vorbereitet

Vor allem aufgrund der erwarteten Preissteigerungen messen drei Viertel der Unternehmen dem Rohstoffeinkauf trotz der weiterhin guten Versorgungslage wieder eine hohe Bedeutung zu und betrauen wenigstens einen Einkäufer ausschließlich mit diesem Thema. Doch die Fachleute verfügen nicht immer über das nötige Know-how, um optimal auf die derzeitige Marktentwicklung reagieren zu können. Zwar beherrscht die große Mehrheit das „Standard-Handwerk“ und verfügt über Rohstoff- und Rohstoffmarktkenntnisse. Doch weniger als die Hälfte verfügt über technisches Fachwissen zur Reduzierung des Rohstoffeinsatzes oder Know-how zu Hedging-Verfahren, mit denen sich Wechselkurs- oder Preisschwankungsrisiken absichern lassen.

Dementsprechend setzen die meisten Unternehmen vor allem auf Bewährtes, um sich für die erwarteten Preisanstiege zu rüsten: 49 Prozent nutzen Preisverhandlungen, 48 Prozent versuchen, Verträge über Euro- statt US-Dollar-Zahlungen zu vereinbaren, und 44 Prozent kaufen Rohstoffe nur innerhalb der Eurozone. Doch damit verlagern sie das Wechselkursrisiko einfach zu den Lieferanten, und die preisen selbiges meist direkt in ihre Verkaufspreise ein.

Unternehmen können noch reagieren

„Die Zeit der niedrigen Rohstoffpreise könnte bald vorbei sein. Das trifft vor allem die Unternehmen, die bisher auf die Umsetzung zielgerichteter Maßnahmen zum Risikomanagement verzichtet haben“, sagt Lars-Peter Häfele, Leiter des Competence Center Raw Materials bei Inverto. „Für die Mehrzahl der Unternehmen, die wir 2014 befragt haben, hatten entsprechende Risiko-Management-Vorhaben keine Priorität. Jetzt fehlen den Firmen die Voraussetzungen, um kurzfristig auf Preisanstiege reagieren zu können. Doch noch ist es nicht zu spät: Wer jetzt reagiert, kann die Auswirkungen begrenzen – und ist zudem besser auf künftige Marktveränderungen vorbereitet“.

Zum sechsten Mal

Die jährliche Rohstoffstudie von Inverto wurde 2015 bereits zum sechsten Mal durchgeführt. Die Studie geht der Frage nach, wie Unternehmen die Entwicklung der Rohstoffpreise und der Versorgungslage bewerten und welche Maßnahmen sie zur Absicherung gegen diese Risiken nutzen. In diesem Jahr wurden hundert Unternehmen aus ressourcenintensiven Branchen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Großbritannien befragt.

Die Studie kann kostenlos bestellt werden unter inverto.com.

Quelle: Inverto AG