Baden-württembergische Industrie hält sich mit Kooperationen in China zurück

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Quelle: die Herausgeber der Studie

Karlsruhe — In der Studie „Industrielle Synergien zwischen dem Land Baden-Württemberg und dem Suzhou Industrial Park“ untersuchte die Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft (HsKA) gemeinsam mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) für das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, welche Potenziale und Hemmnisse für zukünftige Zusammenarbeit und Kooperation die Industrieunternehmen beider Wirtschaftsregionen sehen.

Das Ergebnis fällt gemischt aus: Zwar zeigen sich gute Gelegenheiten zur Zusammenarbeit in attraktiven Wachstumsfeldern wie Umwelttechnologie, Wassersysteme, erneuerbare Energien oder Automatisierungstechnik, bei denen China vor großen Herausforderungen steht. Doch sind die realen Kooperationsaktivitäten von Unternehmen aus Baden-Württemberg mit chinesischen Partnern eher von Zurückhaltung gekennzeichnet.

Vergleich zweier innovationsorientierter Regionen

Baden-Württemberg ist eine der innovativsten Regionen der Europäischen Union. Mit 138 Patentanmeldungen je 100.000 Einwohner liegt sie deutlich über dem deutschen Durchschnitt von 59. Der Suzhou Industrial Park (SIP) befindet sich in der Provinz Jiangsu in China rund 100 Kilometer westlich von Shanghai. Auch die im SIP ansässigen Akteure sind mit 640 Patentanmeldungen je 100.000 Einwohner äußerst innovationsorientiert, im übrigen China liegt diese Quote bei 61. Vor diesem Hintergrund analysiert die vorliegende Studie eingehend die Stärken und Schwächen der Industrie- und Forschungsstrukturen der beiden innovativen Regionen und leitet daraus Handlungsempfehlungen für interessierte Akteure ab.

An der dazu parallel in beiden Regionen durchgeführten Online-Befragung nahmen 270 baden-württembergische und 70 Unternehmen aus Suzhou teil. Ergänzend wurden 25 Experten beider Regionen vertiefend zu ihren Einschätzungen interviewt. Damit stellt die Studie die aktuellste und umfassendste Momentaufnahme zu industriellen Strategien und Kooperationspotenzialen dar, die chinesische und deutsche Einschätzungen einbezieht.

Große Potenziale für eine zukünftige Zusammenarbeit

Die Unternehmen beider Regionen setzen wettbewerbsstrategisch stark auf Qualität und innovative Produkte. Jeweils etwa drei Viertel der befragten Unternehmen sind Markt- oder Produktinnovatoren. Dabei zeigen sich überraschenderweise kaum Unterschiede zwischen der baden-württembergischen und der chinesischen Seite. „Hier böten sich gute Möglichkeiten für die Zusammenarbeit von starken und innovativen Partnern auf Augenhöhe“, fasst Professor Dr. Steffen Kinkel, Leiter des Instituts für Lernen und Innovation in Netzwerken (ILIN) an der Hochschule Karlsruhe, eines der zentralen Ergebnisse der Studie zusammen.

Die größten Potenziale für eine zukünftige Zusammenarbeit in China sehen die befragten Unternehmen aus Baden-Württemberg aufgrund der zunehmenden Umweltverschmutzung und Emissionsbelastung in den Anwendungsbereichen der Umwelttechnologien, Wassersysteme und erneuerbaren Energien sowie aufgrund der steigenden Arbeitskosten in der Notwendigkeit zur lokalen Automatisierung. Starke Konkurrenz sehen sie dagegen vor allem bei zukunftsweisenden Querschnittstechnologien wie avancierten Produktionstechnologien, neuen Materialien oder der Nanotechnologie. Die Firmen aus Suzhou dagegen sehen in diesen Bereichen durchaus das Potenzial zur Zusammenarbeit.

Geringe Attraktivität von Kooperationen

„Mit ihren bisherigen Aktivitäten schöpfen die baden-württembergischen Unternehmen die großen Möglichkeiten in China noch nicht konsequent genug aus“, sagt Professorin Dr. Gisela Lanza vom wbk Institut für Produktionstechnik des KIT. Zwar sind die baden-württembergischen Firmen sehr aktiv mit eigenen Engagements vor Ort. Fast die Hälfte der befragten Unternehmen aus Baden-Württemberg produziert bereits in China, ein Drittel hat Forschungs- und Entwicklungsstandorte vor Ort, wobei der Hauptstandort für F&E immer noch im Heimatland liegt.

Der Aktivitätslevel bei Kooperationen mit chinesischen Partnern ist jedoch vergleichsweise niedrig. So kooperieren etwa vier Fünftel der befragten Unternehmen aus Baden-Württemberg in Forschung und Entwicklung mit Forschungseinrichtungen oder anderen Firmen, doch weniger als ein Fünftel mit Partnern aus China. Noch geringer ist die Kooperationsneigung mit chinesischen Partnern bei Vertriebs- und Servicekooperationen, Produktionskooperationen und Beschaffungskooperationen. Insgesamt scheinen die baden-württembergischen Unternehmen noch recht zurückhaltend beim Initiieren von Kooperationen mit Partnern aus China zu sein, insbesondere beim Aufbau lokaler Beschaffungsnetzwerke.

Risiken: Know-how-Verlust und Produktpiraterie

Ein wesentliches Argument der Zurückhaltung bei Partnerschaften in China ist das Risiko des Know-how-Verlusts und der Produktpiraterie. Diesem Risiko sehen sich viele der befragten deutschen – sowie auch chinesischen – Unternehmen ausgesetzt. Entsprechend versuchen sie sich, durch Patente zu schützen. Fast die Hälfte der befragten Unternehmen aus Baden-Württemberg besitzt ein oder mehrere Patente in China. Das wichtigste Motiv der Patentierung ist für mehr als die Hälfte der Betriebe die Sicherung der eigenen Handlungsfähigkeit Von den befragten Unternehmen in Suzhou wird dagegen die Blockierung der Wettbewerber zu fast drei Vierteln am häufigsten genannt. Dies zeigt, wie wichtig es für in China operierende Unternehmen ist, Wissen und Rechte für Innovationen in Form neuer oder angepasster Produkte für den lokalen Markt gegen potenzielle Wettbewerber zu schützen, da der Preis alleine gerade in China kein ausreichendes Verkaufsargument darstellt.

Die gesamten Studienergebnisse finden sie auf der Webseite des wbk Instituts des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).

Quelle: Karlsruher Institut für Technologie (KIT)