Frontal 21 deckt auf: Wie deutscher Autoschrott illegal exportiert wird

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Aufgebrachter Altauto-Export-Container (Foto: Scholz-Gruppe)

Mainz — Wie das Polit-Magazin Frontal 21 meldet, landet jedes zweite Auto, das in Deutschland stillgelegt wird, nicht in der Schrottpresse, sondern verschwindet in dunklen Kanälen. Experten der deutschen Recyclingindustrie vermuten, dass jährlich rund 1,4 Millionen Altautos nach Afrika und Osteuropa verschifft werden. Nach Recherchen von Frontal 21 stecken kriminelle Banden hinter dem grenzüberschreitenden Schrotthandel. Das Geschäft ist illegal. Die Schieberbanden verstoßen gegen Abfallrecht und Umweltvorschriften, die Käufer der Schrottautos geraten in Lebensgefahr.

Zusammen mit Wirtschaftsdetektiv Tamer Bakiner hat ein Team von Frontal 21 verdeckt die Spuren einer deutsch-georgischen Schieberbande verfolgt. Bakiner war es gelungen, sich in die Szene einzuschleusen. So konnte er gemeinsam mit den ZDF-Reportern über Wochen den illegalen Transport einer Containerladung mit 15 Schrottautos von Deutschland bis in die georgische Hauptstadt Tiflis mit versteckter Kamera verfolgen.

Fahrgestellnummer und Motor getrennt

Das kriminelle Geschäft beginnt beim Schrotthändler in Deutschland. Kaputte Altautos müssen zwar nach dem Gesetz komplett recycelt werden, doch es gibt einen Trick: Die Altfahrzeuge werden gleich hinter dem Lenkrad zersägt. Das Heckteil mit der Fahrgestellnummer behält der Schrotthändler zum Nachweis der Komplett-Verwertung, die aber tatsächlich nicht stattgefunden hat. Das Frontteil mitsamt Motor, Armaturenbrett und Getriebe wird verkauft und exportiert. Damit das reibungslos klappt, nutzen die Banden gefälschte Ausfuhrpapiere, die Frontal 21 vorliegen.

Bis zu 18 Pkw-Vorderteile passen so in einen Seecontainer. Sie werden in den Zielländern mit Heckteilen baugleicher Unfallfahrzeuge zusammengeschweißt, lackiert und das Ganze als Gebrauchtwagen verkauft. Die Käufer erwerben ein lebensgefährliches Fahrzeug, bestätigt Hans-Ulrich Sander vom TÜV Rheinland gegenüber Frontal21. „Das ist nur noch Kernschrott. Die Unfallsicherheit solcher Autos geht gegen Null.“

Verlust von acht Millionen Autos pro Jahr

Der Handel mit deutschem Autoschrott ist ein lukratives Geschäft. In Tiflis verriet den Reportern ein Autoschieber vor versteckter Kamera: „Wir verdienen etwa 20.000 Euro mit einem Container“. Bis zu acht Millionen Autos gehen dem Wertstoffrecycling europaweit durch die Altauto-Banden Jahr für Jahr verloren, weit mehr als zehn Millionen Tonnen an Stahl und Edelmetallen im Milliardenwert.

Zwar ist der Export von funktionstüchtigen Altautos oder Autoteilen erlaubt. Aber es ist verboten, Müll und Schrott aus der EU zu exportieren. Alle Mitgliedsstaaten haben sich zum umweltgerechten Recycling verpflichtet. Beate Kummer ist als Unternehmensberaterin für die Recyclingindustrie und die EU-Kommission tätig. Sie stellt fest: „Wenn ein Auto zerschnitten wird, dann ist es nicht mehr funktionsfähig und dann ist es Müll. Und Müll darf nicht ausgeführt werden aus der EU.“

Illegaler Handel wird unterschätzt

Der europäischen Justizbehörde „Eurojust“ macht diese Art der grenzüberschreitenden, organisierten Wirtschaftskriminalität zunehmend Sorgen. In einer aktuellen Studie mit dem Titel „Strategic Project on Environmental Crime“ heißt es: „Trotz der potentiell schwerwiegenden Folgen von Umweltkriminalität insbesondere in den Bereichen des illegalen Handels mit Abfällen wird der Ernst der Lage auf nationaler und internationaler Ebene unterschätzt.“ Reinhard Bütikofer, Europa-Abgeordneter der Grünen, kritisiert die „laschen Kontrollen“ auf allen Ebenen und fordert schärfere Sanktionen: „Wir müssen dafür sorgen, dass die Strafe, die einen trifft, wenn er erwischt wird, auch spürbarer wird.“

Den Beitrag über illegale Autoschrott-Exporte sendet das ZDF heute (31.3.2015) ab 21:00 Uhr.

Autoren: Andreas Halbach, Thomas Münten und Heiko Rahms

Quelle: ZDF / Frontal 21