Aircraft Recycling: Ein neuer Markt entsteht in Europa

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Programmheft zum 2. europäischen Aircraft Recycling Symposium (Quelle: Hochschule Pforzheim)

Pforzheim — Ausgemusterte Verkehrsflugzeuge sind – bislang noch zu wenig beachtete – Rohstoffquellen. Ein systematisches Flugzeug-Recycling ist daher gefragt. Dessen Möglichkeiten diskutierten Experten aus ganz Europa am 11. und 12. März 2015 in Stuttgart – beim zweiten europäischen Aircraft Recycling Symposium, organisiert von der Hochschule Pforzheim und unterstützt vom Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie (ICT).

„Das Symposium dient als Plattform für den Austausch verschiedener Stakeholder, die für die Umsetzung neuer Geschäftsmodelle und die Entwicklung neuer Recycling-Technologien notwendig sind“, begrüßte Professor Jörg Woidasky von der Hochschule Pforzheim die Teilnehmer.

30.500 Tonnen bereit für die Rückgewinnung

Mit der immensen Zunahme des Luftverkehrs wird dieses Thema immer aktueller. Weltweit sind etwa 30.000 Verkehrsflugzeuge in Betrieb, in 20 Jahren werden es rund 10.000 mehr sein. Jährlich werden knapp 400 Flugzeuge entsorgt. Nimmt man 90 Tonnen recycelbarer Materialien als Durchschnittswert für ein Flugzeug, stehen derzeit 30.500 Tonnen und im Jahr 2021 bereits 72.600 Tonnen Flugzeug-Materialien zur Wiederverwendung bereit. Wegen der Fülle an verwertbaren Materialien für die Rückgewinnung hochwertiger Sekundärrohstoffe bietet das Flugzeug-Recycling ein enormes Potenzial.

Allerdings: „Der Schrottwert beträgt in der Regel lediglich bis etwa 100.000 Euro“, weiß Professor Jörg Woidasky. „Ganz anders sieht es bei den zertifizierten Teilen aus: Komponenten wie Antriebe, Fahr- und Triebwerke können mehrere Millionen Euro wert sein“, so der Professor für Nachhaltige Produktentwicklung, der zudem Mitglied des zur Hochschule gehörenden Instituts für Werkstoffe und Werkstofftechnologien (IWWT) ist. Das Ziel ist es daher, diese Komponenten wieder zu verwerten.

Recycling statt Parken

Flugzeuge auszumustern und zu parken, wie das in der Regel in den USA passiere, sei keine nachhaltige Lösung und daher kein Geschäftsmodell für Europa, betonte Norbert Steinkemper von der Süderelbe GmbH in Hamburg. Obwohl Europa mehr als hundert Jahre Erfahrung im Luftverkehr habe, sei das Recycling von Flugzeugen noch ein Nischenmarkt. Seit 2005 gibt es nun erste Ansätze zur Demontage und Verwertung von Flugzeugen. Bislang fehlen jedoch weltweit effiziente Strukturen, verbindliche Standards sowie einheitliche Techniken und Verfahren.

Doch werde das Flugzeug-Recycling an Fahrt aufnehmen, betonte Ted Elliff vom französischen Beratungsunternehmen für Nachhaltigkeit in der Luftfahrt Envisa. Geschehen werde das sowohl durch Regulierungen staatlicher Regierungen und der Europäischen Union sowie als freiwillige Initiativen der Industrie. Beispielsweise sei eine Forderung nach einem Produkt-Pass mit Informationen über Komponenten und Materialien wahrscheinlich. Umsetzen lasse sich das durch RFID-Technologie (Radio Frequency Identification), mit der Komponenten und Materialien automatisch identifiziert werden können. Diese Identifikation ist für das Recycling nach, aber auch während des Einsatzes eines Flugzeugs wichtig.

Recyclingprobleme mit Composites

Eine Herausforderung für das Recycling ist der zunehmende Einsatz diverser Verbundstoffe in modernen Flugzeugen, insbesondere von kohlenstofffaserverstärkten Kunststoffen. Verbundwerkstoffe – auf Englisch Composites – bestehen aus zwei oder mehreren miteinander verbundenen Materialien. Vorteile dieser Werkstoffe sind ihre Haltbarkeit und hohe Belastbarkeit bei geringem Gewicht. Dieser „Materialmix“ stellt allerdings das Recycling vor Herausforderungen, da oft eine Trennung in die Ausgangsstoffe nicht einfach möglich ist.

Neben neuen Geschäftsmodellen lagen daher weitere Schwerpunkte des Symposiums auf dem Composite Recycling, also der Wiederverwertung dieser hochwertigen Verbundwerkstoffe, sowie der Entwicklung neuer Materialien. Unter anderem präsentierte Mario Malinconico vom italienischen Institut für Polymere, Verbundwerkstoffe und Biomaterialien (iPCB-CNR) Verfahren, die in Forschungsprojekten entwickelt wurden, die Teil der von der EU finanzierten gemeinsamen Technologieinitiative „Clean Sky“ sind. Ein Ziel war unter anderem die Entwicklung recyclebarer Thermoplast-Verbundwerkstoffe, die hohe Gewichtsbelastungen aushalten.

Die 50 Teilnehmer des europäischen Symposiums gingen nach den zwei Tagen mit vielen Ideen und Anregungen auseinander – und werden sich spätestens beim bereits angedachten dritten euopäischen Aircraft Recycling Symposium wieder treffen, um weitere innovative und kooperative Geschäftsmodelle zum Fliegen zu bringen.

Quelle: Hochschule Pforzheim University