Stahlmarkt 2015: Mit relativ günstigen konjunkturellen Voraussetzungen gestartet

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Stahlverarbeitung (Foto: Kroll/ Recyclingportal.eu)

Düsseldorf — Im vergangenen Jahr ist die deutsche Wirtschaft trotz massiven geopolitischen Gegenwinds um beachtliche 1,6 Prozent gewachsen. Auch die Stahlverarbeiter scheinen die Delle aus dem zweiten Halbjahr 2014 schneller zu überwinden, als noch zu Jahresbeginn erwartet. So ist das Geschäftsklima, das das Münchner volkswirtschaftliche Forschungsinstitut ifo erfragt, in den wichtigen Abnehmersektoren in den letzten Monaten wieder gestiegen. Zudem ziehen auch die Auftragseingänge an, insbesondere in der Automobilindustrie. Im Verarbeitenden Gewerbe befinden sie sich auf dem höchsten Niveau seit 2011, meldet die Wirtschaftsvereinigung Stahl anlässlich der 19. Handelsblatt Jahrestagung „Stahlmarkt 2015“.

Der deutsche Stahlmarkt ist mit relativ günstigen konjunkturellen Voraussetzungen in das neue Jahr gestartet. So hat sich der leichte Aufwärtstrend im geglätteten Verlauf bei den Auftragseingängen im Januar fortgesetzt. Außerdem hat sich zu Jahresbeginn die Rohstahlproduktion stabilisiert, nachdem sie in der zweiten Jahreshälfte durch einige Sonderfaktoren beeinträchtigt worden war. Die Kapazitätsauslastung ist mit 86 Prozent im internationalen Vergleich sehr hoch. Schließlich befinden sich auch die Lagerbestände bei Handel und Verarbeitern auf einem niedrigen Niveau. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl erwartet 2015 eine Ausweitung der Rohstahlerzeugung um 1 Prozent auf 43,3 Millionen Tonnen.

Ausblick von großer Vorsicht geprägt

Trotz der im Grundsatz optimistischen Einschätzung ist der Ausblick auf die konjunkturelle Entwicklung der Stahlindustrie in Deutschland jedoch von großer Vorsicht geprägt. Dies hat aber auch mit den globalen, aber auch regionalpolitischen und geopolitischen Entwicklungen zu tun.

Zu den Herausforderungen für die deutsche und europäische Stahlkonjunktur gehören die zunehmenden Importe. Im vergangenen Jahr sind die die globalen Stahlexporte um 10 Prozent von 407 Millionen Tonnen auf ein neues Rekordniveau von 448 Millionen Tonnen gestiegen. Vor allem ist die gewachsene Wettbewerbsintensität auf China zurückzuführen, das seinen Stahlexport um mehr als 50 Prozent auf inzwischen 93 Millionen Tonnen gesteigert hat. China exportiert damit mehr, als die Vereinigten Staaten, der drittgrößte Produzent weltweit, produzieren. Mehr als 80 Prozent des Zuwachses der globalen Stahlexporte im vergangenen Jahr entfielen auf die gestiegenen Ausfuhren aus China.

Einsatz von Handelsschutz-Instrumenten deutlich beschleunigt

Auch von der Russland-Krise gehen Risiken für den deutschen Stahlmarkt aus: 2014 ist der russische Stahlmarkt bereits geschrumpft. 2015 wird sich der Abwärtstrend verschärfen. Die russischen Stahlunternehmen werden daher ihre Exporte erhöhen wollen, zumal neue Kapazitäten dort in Betrieb gehen und sie infolge des Rubelverfalls erhebliche Wechselkursvorteile erhalten. 2014 war Russland der viertgrößte Stahlexporteur der Welt. Rund ein Viertel der russischen Stahlexporte gehen in die EU.

Es ist vor dem Hintergrund eines immer intensiveren internationalen Wettbewerbs nicht überraschend, dass sich der Einsatz von Handelsschutzinstrumenten bzw. von „TDIs“ (Trade Defense Instruments) im Stahlbereich deutlich beschleunigt. Inzwischen entfallen mehr als 50 Prozent aller Klagen in diesem Bereich auf die Stahlindustrie.

Globale Überkapazitäten

Die bedrohlichen Entwicklungen im internationalen Handel stehen im engen Zusammenhang mit der Problematik der globalen Überkapazität. Die Besonderheiten unterschiedlicher Marktverfassungen und Wirtschaftsordnungen müssen mit berücksichtigt werden. Strukturelle Überkapazitäten in China können aus unserer Sicht nicht unmittelbar mit temporären Kapazitätsüberhängen in der EU verglichen werden: Denn im nicht-marktwirtschaftlichen China werden Angebotsüberschüsse in großem Stil exportiert und die damit verbundenen Anpassungslasten in anderen Ländern abgeladen. Staatliche Hilfen sorgen zudem dafür, dass Überkapazitäten sich verfestigen und künftig weiter ansteigen. In der EU führen Marktkräfte dagegen dazu, dass Auslastung zurückgenommen und – mittelfristig – eine Bereinigung stattfindet.

Die EU ist weltweit die einzige Region, in der seit Ausbruch der Krise auf die veränderte Nachfragebedingungen reagiert und Kapazitäten netto aus dem Markt genommen wurden. Im Rest der Welt sind die Kapazitäten dagegen weiter gestiegen, nämlich seit 2010 um knapp 30 Prozent, in China sogar um 45 Prozent. Mit diesen Hinweisen soll die Strukturkrise auf dem EU-Stahlmarkt nicht wegdiskutiert werden. Es gibt zweifellos Überkapazitäten in der EU, unserer Einschätzung nach in einem Umfang von 25 bis 30 Millionen Tonnen. Oftmals verdeckt die bloße Diskussion über Zahlen jedoch die bedeutsamen wirtschaftlichen und strukturpolitischen Gründe für die Schwäche in Europa.

Industriepolitische Konsequenzen

Nach Darstellung der Wirtschaftsvereinigung Stahl sind drei Aspekte der industriepolitischen Konsequenzen besonders hervorzuheben:

    • Zum ersten: Die Stahlindustrie muss aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen. Gerade Unternehmen in Europa wissen, dass eine Politik der Strukturkonservierung keine wirkliche Option ist. Zwischen 1975 und 1995 flossen, in Preisen von 2013, rund 100 Milliarden Euro an nationalen Beihilfen an europäische Stahlunternehmen. Die größten Empfänger waren die Unternehmen aus jenen Ländern, in denen kein oder nur ein geringer Kapazitätsabbau erfolgte. Italien war hier ein prominentes Beispiel. Auch vor diesem Hintergrund sieht die Wirtschaftsvereinigung Stahl die aktuellen Entwicklungen in Taranto mit großer Sorge und wird konsequent auf eine Einhaltung des geltenden Beihilferechts drängen. Dies ist gerade auch vor dem Hintergrund der Größe Ilvas unumgänglich.Die Anstrengungen, die die Stahlunternehmen in Deutschland unternommen haben, sind ein wichtiger Grund dafür, dass die Stahlindustrie heute über nachhaltig wettbewerbsfähige Strukturen verfügen und der Stahlstandort im internationalen Vergleich gut aufgestellt ist. Es darf sich nicht wiederholen, dass die wettbewerbsstärksten Unternehmen die größten Anpassungslasten zu tragen haben.
    • Zweitens: Zur industriepolitischen Antwort auf ein verändertes internationales Umfeld gehört auch eine Strategie in der Handelspolitik. Zwar wendet sich die Stahlindustrie in Deutschland seit jeher gegen jegliche Form des Protektionismus. Für Deutschland ist ein freier und fairer Welthandel zentral. Ein wirksames EU-Handelsschutz-Instrumentarium gegenüber unfairen Drittlandimporten bleibt aber unverzichtbar. Die europäische Stahlindustrie geht verantwortungsbewusst mit diesem Instrumentarium um. Sie sieht es als letztes Mittel an, um Auswüchse zu bekämpfen und nicht um flächendeckende Marktabschottung zu betreiben. Aber: Angesichts der wachsenden Bedrohung des frei zugänglichen EU-Marktes darf nicht zugelassen werden, dass die TDIs der EU weiter aufgeweicht werden.

 

  • Und schließlich: Eine sinnvolle industriepolitische Reaktion auf eine bekannt schwierige Lage erfordert auch, die Nachfrageseite mit einzubeziehen: In der EU sind die Investitionen seit 2007 um 15 Prozent und die Investitionsquote um 3 Prozent auf nur noch 19 Prozent gesunken. Dies hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Stahlnachfrage in der EU heute um rund 30 Millionen Tonnen unter dem Niveau liegt, das durchschnittlich zwischen 2000 und 2005 erreicht worden ist. Die Strukturkrise auf dem EU-Stahlmarkt kann nur überwunden werden, wenn auch die europäische Wirtschaft wieder zu mehr Investitionen und Wachstum zurückfindet.

Warnung vor zu viel Optimismus

Der Investitionsplan von EU-Kommissions-Präsident Jean-Claude Juncker stellt daher eine wichtige Chance dar. Ein erheblicher Teil soll offenbar auch in stahlintensive Sektoren, wie z.B. Verkehrsinfrastruktur oder die Energiemärkte, fließen. Mittelfristig könnte hierdurch auch die Stahlnachfrage dringend notwendige Impulse erhalten. Angesichts bestehender Erfahrungen mit früheren Investitionsoffensiven muss jedoch vor zu viel Optimismus gewarnt werden. Insgesamt ist es aber ein Schritt in die richtige Richtung. Noch wichtiger sind die Verbesserung des Investitionsklimas und der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Zunehmend besorgen uns aber auch die energie- und klimapolitischen Rahmenbedingungen am Standort und in der Europäischen Union.

Die vollständige Pressemitteilung ist unter stahl-online.de zu finden.

Quelle: Wirtschaftsvereinigung Stahl